1.
Allgemeines
Schon
der Philosoph Georg
Wilhelm Friedrich Hegel
(1770
– 1831)
spottete
über „die
Absichtlichkeit des Absichtslosen und den Zwang des Ungezwungenen“
und daran hat sich in den letzten zweihundert Jahren nichts geändert.
Viele
Leute
sehen Smalltalk als Zwang, als Pflichtübung, als
geschauspielerte Lässigkeit, der
man sich unterziehen
muss,
weil man sonst eine
gute Gelegenheit verpasst
oder Ähnliches. Von
Entspannung ist da keine Rede und davon, dass du eine Veranstaltung
besuchst, um dir beispielsweise einen schönen Abend zu machen, schon
gar nicht.
Alle
Leute, die etwas von Psychologie verstehen, sind sich einig, dass
dies keine gute Ausgangsbasis ist. Der erste Schritt ist daher, den
Dingen ihren Schrecken zu nehmen, Mythen und Mysterien beiseite zu
räumen und die Fakten zu betrachten.
Etliche
Ratgeber
betrachten
das Ganze
aus beruflicher Perspektive, als Teil des Business, als
netzwerken.
Ich dagegen brauche es
beruflich nicht, denn
ich brauche generell keine Karriere. Hier zeigt sich ein Vorteil des
Arbeitskräftemangels, denn ich konkurriere mit niemandem, statt
dessen gibt es um mich herum massenweise freie Stellen mit allen
damit verbundenen Potenzialen.
Andere
Leute suchen nach einem Eisbrecher für private Anlässe, sei es als
Einstieg in einen Flirt oder „nur“, um die eigene Einsamkeit und
Langeweile zu durchbrechen und auch dazu ist die Zahl der guten
Ratschläge gross genug.
Spreche
ich dagegen ganz egoistisch nur
von
mir, so
nähere
ich
mich
dem Thema
Smalltalk
aus
der Richtung „gesellschaftliche Anlässe wie
etwa eine Familien- oder
Firmenfeier,
auf denen ich mich durchschlagen will, ohne mich allzu sehr zu
blamieren“. Dies
allerdings nur als Orientierungshilfe für mich selbst, denn in
der Praxis sind die Grenzen fliessend und
es ist egal, von welchem Punkt aus du startest.
Als
Vorübung: Verlasse deine Komfortzone und geh irgendwo hin, egal wo,
denn ungenutzte Potenziale gibt es überall. Fang etwa in der
Fussgängerzone an, stelle dich irgendwo am Rand hin und lass den
Menschenstrom auf dich wirken. Oder setze dich in eine Kneipe, die du
nicht kennst und wo man dich nicht kennt. Oder nimm irgendeine
Veranstaltung, die du bisher nicht kennst, die sogar ausserhalb
deiner Interessen liegt, denn dann hast du dort keine Verpflichtungen
und bist nicht dem Zwang ausgesetzt, irgendwas zu irgendwem zu sagen.
Du
brauchst also am Anfang gar nicht selbst zu reden. Vielmehr beobachte
die Menschen, sieh ihnen beim Reden zu und erkenne die Muster. IMHO
ist dazu ein Rockkonzert weniger geeignet als etwa eine
Kunstausstellung, denn man muss die Leute verstehen können, ohne
ständig zu schreien.
Zur
äusseren
Erscheinung nehmen
wir mich selbst als Beispiel:
Ich
trage dunkle Farben und allenfalls dezente Accessoires,
weil dies
meinen persönlichen Vorlieben entspricht. Gleichzeitig darf ich
Leute, welche helle Farben, auffällige Kombinationen
und
schrille Accessoires verwenden, nicht im
Voraus verurteilen,
das
ist ein Gebot sowohl der Humanität als auch des gesunden
Menschenverstands.
Generell
gilt: Mit welcher Farbe oder welchem sonstigen Element auch immer du
dich wohlfühlst, du kannst von „Casual“ über „Business“ bis
zur vornehmen „Abendgarderobe“ Akzente damit setzen. „Ein
Smoking ist ein Smoking, ein Frack ist ein Frack“?
Schön
wäre es, denn in Wahrheit gibt es auch hier subtile Abstufungen,
welche denjenigen, die sich damit auskennen, einen Vorteil
verschaffen. Und unterhalb dieser vornehmen Outfits, also bei allem
unterhalb von „Dresscode: Black Tie“, gibt es so viele
Gestaltungsmöglichkeiten, dass sie buchstäblich niemals zu
erschöpfen sind. Gleichzeitig
existieren
allgemein anerkannte Konventionen, so dass jede Person,
welche nicht experimentieren will, auf der sicheren Seite bleiben
kann.
Dann
ist da natürlich die Rhetorik: Ein „Ey,
wer issen die
Tussi?“
kommt bei den Leuten anders an als „Sagen Sie bitte, wer ist die
Dame in
dem
blauen Hosenanzug?“
Sprich beides
nacheinander vor dich hin, wenn du ungestört bist und probiere noch
einige andere solche Gegensatzpaare
aus, dann bekommst du ein Gefühl dafür.
Die
Ratgeber, welche etwas taugen, unterscheiden auch
zwischen Smalltalk und Deeptalk. Ein Kollege meinte etwa,
ich könnte mit Smalltalk doch kein Problem haben, weil
wir viel über
Literatur redeten
und ich erwiderte, dass meine Fähigkeiten mehr im Deeptalk lägen.
Als
dieser Kollege die Namen Dickens und Hemingway in den Raum warf,
wusste ich ungefähr, wer diese Leute sind,
weil ich als Geschichtsnerd über ihre historische Bedeutung gelesen
habe. Also
konnten wir beide
in
die Tiefe gehen, während die Menschen um uns herum hilflos
waren und sich
ausgeschlossen fühlten.
Noch schlimmer wird das bei Gesundheitsthemen oder Politik,
denn
in diesen Dingen sind viele Leute empfindlich,
daher solltest
du sie vorerst
vermeiden.
Sicher, Manche
wissen nicht einmal, wie die Weltpolitik vor zehn Jahren ausgesehen
hat, aber für andere ist selbst das 18.
Jahrhundert noch ein zu heikles Thema.
Damit
ist eine weitere Facette der Aufgabe identifiziert, nämlich nicht
in Deeptalk zu verfallen, sondern erst einmal an der Oberfläche zu
bleiben. Das
heisst,
dass man die klassische Frage „Wie gehts?“ nicht gleich
mit
seiner Krankengeschichte beantwortet,
sondern zuerst einmal mit einem „Bestens, danke der Nachfrage“.
Von
da an kann man die Frage zurückgeben mit „Ihnen/Dir auch, hoffe
ich? – Fein…“ und dann weiter mit einem anderen Thema.
2.
Praktische Ausführung
Wenn
du
dich unsicher fühlst,
kannst du
dich darauf verlassen,
dass
andere Leute schlimmer dran sind. Für
manche ist
die
Anwesenheit
eine
Pflichtübung, ein
Teil ihres Berufs und sie
müssen
daher
netzwerken
und smalltalken
wie
die Wahnsinnigen. Andere
sind
Aussenseiter,
die
wenig Kontakte haben, sei dies aus
Mangel
an Bekanntschaften, aus
Schüchternheit
oder
weil sie introvertierte Menschen sind.
Beobachte und lerne und dann sprich die an, welche sonst niemand
beachtet oder
die, welche du aus irgend einem Grund ansprechen musst.
Womit?
Hier
helfen uns
allgemeine psychologische Fakten:
Wer die eigene Unwissenheit zugibt und/oder
anderen
ein
gutes Gefühl gibt,
wirkt sympathisch. Also sprich beispielsweise die Unbeachteten an und
frage sie, wer wer ist. Dann bringst du im nächsten Schritt deine
eigenen Beobachtungen ein, etwa, wer die am meisten umschwärmte
Person ist und schon habt ihr ein endloses Gesprächsthema.
Oder
mache
ihnen ehrliche Komplimente über ihr Aussehen, Kleidung, Schmuck etc.
und
vergiss dabei das Klischee, dass dies nur Frauenthemen wären. Männer
sind genauso von Eitelkeit befallen und
gerade die, welches sich besonders machohaft geben, wollen am meisten
bewundert werden.
Trägt
jemand gar ein auffälliges Kleidungsstück oder Accessoire, etwa
einen Anstecker, einen Orden etc., dann will die Person bewusst damit
gesehen werden und auch darüber sprechen.
Bei
alledem besteht natürlich die Gefahr, in Sarkasmus überzugehen,
falls
du
es mit einem Dummkopf zu tun hat. Deswegen ist das Schwerste auch
hier nicht das Reden, sondern das Schweigen an
der richtigen Stelle.
Einige
Beispiele:
„Interessante
Krawatte, interessante Jacke/Kleid/Brosche/Kombination,
interessanter
Kontrast.
Von welchem Designer
ist das? Mögen
Sie diese Art von Outfit? Ist das Ihr Standard oder probieren Sie
heute etwas Neues aus?“
„Was
ist das für ein Abzeichen/Orden
bitte? – Alle
Achtung, das/die/den
hat nicht jeder. Wofür haben Sie es/die/den
bekommen?“
Hier
ist die Komplexität der deutschen Sprache zu beachten, im Englischen
etwa heisst es jedes Mal „the“ und „it“, also hier
„the badge“, „the medal“, „the order“, aber im Deutschen
haben wir die verschiedenen Genitive mit „das Abzeichen“, „die
Medaille/die
Brosche“
und „der Orden“.
„Sie
scheinen sich hier
auszukennen.
Sind Sie schon mal auf so einer Party gewesen?“ –
„Sie
etwa nicht? Das findet doch öfters statt.“
–
„Alle
Achtung,
dass Sie das so genau wissen. Ich bin heute tatsächlich zum ersten
Mal dabei.“
Damit
hast du einen Anknüpfungspunkt
für weitere
Fragen
an die andere Person. Ist
die Veranstaltung beispielsweise ein Firmenevent, so kannst
du
nun sagen „Verzeihen
sie einem Neuling die Frage: Wenn
Sie öfter hier sind, müssen Sie ja schon länger in der Firma sein.
Oder sind Sie Kunde?“
„Verzeihung,
ich bin neu hier. Können
Sie mir sagen, wer die beiden da drüben sind?“
Dreiste
Version: „Sie sind offenbar sehr umschwärmt. Verzeihen Sie einem
Ahnungslosen
die Frage, welche Position Sie haben.“
Eine
andere Variante ist, falls du nicht zu einem Kontakt gezwungen bist,
sich gerade von den umschwärmten Leuten fern zu halten und dadurch
einen eigenen Akzent zu setzen. Du fällst dann auf, weil du dich
nicht so verhältst wie die Masse.
Falls
du gezwungen bist, wichtige
Personen
ansprechen:
Sie
sind
nicht so unnahbar, wie es bisweilen scheint. Schon
Michel
de Montaigne hat im 16. Jahrhundert beobachtet, dass die Grossen
seiner Zeit nichts lieber taten, als den ganzen zeremoniellen Kram
beiseite zu lassen und sich wenigstens einmal wie normale Menschen zu
benehmen. Solche Leute
können allerdings genervt sein, weil sie auch für viele Andere
wichtig sind und deswegen sehr viel angesprochen werden, man kann
auch sagen, dass sie belagert und bestürmt werden. In solchen Fällen
bist du nicht die
erste
Person
bei
der Begrüssung
–
falls doch, brauchst du wahrscheinlich keinen Ratgeber mehr – und
die Leute in der Mitte werden am wenigsten beachtet. Hier kann es dir
also einen Vorteil bringen, ganz
am
Ende
der
Schlange zu
stehen
und dabei einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Du
bist nicht nur das
Individuum,
nach dem die wichtige Person erlöst ist und einmal verschnaufen
kann, sondern das,
welches
dieser Person die Erlösung bringt.
„Guten Abend, Frau/Herr x [,
Klaus
Gieg mein Name],
ich bin hoffentlich
der
Letzte, dann sind Sie erlöst. Daher
erlaube ich
mir, Sie für eine Sekunde in Anspruch zu nehmen, um
Ihnen ein Kompliment zu machen für unsere gute Zusammenarbeit/meinen
Dank für die Einladung auszusprechen/auch im Namen meiner
Begleitung/…“
Etwas
dreistere Variation: „Guten Abend, Frau/Herr
x [,
Klaus
Gieg mein Name].
Ich
erlaube mir, Sie
für eine Sekunde in Anspruch zu nehmen, um
[…]
Und
damit sind Sie auch schon von mir erlöst. Einen schönen Abend
noch.“
Wenn
andere Leute, die bei einem solchen Begrüssungsritual
nur ihre Pflicht getan haben, DAS hören, werden sie platzen vor
Neid!
Weitere
Situation,
in
einem Onlinevideo
als Beispiel erwähnt: Du wirst an einen Tisch gesetzt mit Leuten,
welche du nicht kennst und die dich nicht kennen. Es herrscht das
sprichwörtliche „peinliche
Schweigen“, niemand findet einen Anknüpfungspunkt oder den Mut,
ihn zu nutzen. Das ist deswegen peinlich, weil Menschen nun einmal
soziale Wesen sind und reden wollen, wollen, wollen. „Das
gesamte Menschengeschlecht buhlt begierig um offene Ohren“,
so
der alte Römer
Lukrez
und
das darf man getrost als ewige Wahrheit bezeichnen.
Gib
den
Leuten
nur den ersten Anlass zum
Reden
und sie werden dich verehren, anschliessend
ergeben sich weitere Fragen und Antworten von selbst.
Jenes
Video
hat
nicht erwähnt, was man
in so einer Situation sagt, daher hier eine spontan erdachte Version
von
mir selbst.
Einleitung,
an die Allgemeinheit gerichtet: „Guten
Tag/Abend
allerseits,
Klaus Gieg mein
Name.
Ich
muss wohl um Verzeihung bitten, dass ich niemanden
von Ihnen kenne.“
Dann
an deinen direkten Nachbarn rechts
von dir:
„Sind
Sie so freundlich, mir die Herrschaften vorzustellen?“ Wenn er Nein
sagt, hat er sich unmöglich gemacht und das spüren die meisten
Leute, egal auf welchem Bildungsniveau.
Alternativ
und
das ist nun aus
einem professionellen
Ratgeber,
beginnt man zunächst ein Gespräch mit nur einer Person, etwa
„Verzeihung, ich bin neu hier. Können Sie etwas von der
Speisekarte empfehlen?“ Das
kann man dann fortsetzen mit „Alle Achtung, Sie kennen sich ja
aus…“ oder etwas in dieser Art und wenn der Andere darauf nicht
anspringt, ist es sein Pech, denn dann plauderst du mit dem Nächsten.
Oder
bei einem Stehempfang, ebenfalls als Idee
von
einem Profi:
„Guten
Tag/Abend,
Klaus Gieg mein
Name.
Darf ich mich zu Ihnen
stellen?“
Falls
das nicht funktioniert,
ist es eine gute
Möglichkeit, den Umgang mit Abweisungen zu trainieren. Du
kannst
ein „Nein“, ja
sogar ein arrogant-verächtliches „Danke, wir sind vollzählig“
mit einem souveränen Lächeln und einer angedeuteten Verbeugung
kommentieren. Danach
wendest
du dich
ab
und gehst
weiter,
egal ob zur
nächsten Gruppe oder
sonst wohin.
Damit
performst du weitaus besser als derjenige,
welcher dich zurückgewiesen hat, denn
es ist sein Verlust, wenn er deine
einmalige Persönlichkeit nicht zu brauchen glaubt.
3.
Weiterer Verlauf
Seid
ihr erst einmal im Gespräch, so ist die Vielfalt an möglichen
Themen so gross, dass man sie mit Tausenden Veranstaltungen nicht
erschöpfen kann.
Ein
Minenfeld ist es, von dir
selbst zu sprechen. Das birgt nämlich stetig die Gefahr, deiner
Eitelkeit nachzugeben und erfordert deswegen die meiste
Selbstkontrolle. Gleichzeitig
ist es unpraktisch, allzu verschlossen zu sein, denn dann erscheinst
du im schlimmsten Falle als Feigling, der Angst davor hat, etwas von
sich preiszugeben.
Wenn die Leute etwas über dich wissen wollen, so antworte kurz und
bescheiden und falls
sie nachfragen, kannst du loslegen.
Noch
nicht optimal, aber besser ist das Reden über irgendein Thema,
bei dem man als Nerd erscheint. Ob über Mode,
über den
Unterschied zwischen Mozart und Puccini bei Opern oder die
Arbeiten
von
Licklider, Lem und Hofstadter in
Computerphilosophie – wenn du das Thema kennst und dich dafür
erwärmen kannst, besteht höchstens noch die Gefahr, Leute damit zu
überfordern. Auch
hier wieder als Beispiele:
„Die
Garderobe der Damen ist recht vielfältig. Interessant, wie sich das
über Jahrhunderte nicht geändert hat: Die Männer
können
fast
nur durch Geschmacklosigkeit Akzente setzen oder durch dezente
Kleinigkeiten, aber die Frauen
haben ein unglaublich breites Spektrum zur Auswahl. Man kann
sie beneiden.“
Antwort
mit trockenem Humor: „Tja,
das war im 18. Jahrhundert noch anders. Aber dann hat Beau Brummel
die Herrenmode revolutioniert und an den Folgen leiden wir heute
noch.“
„Dostojewski
hat eine Beobachtungsgabe bis in die Nebendinge hinein, das ist
unglaublich. Man nennt seine Bücher Romane, aber erfunden sind daran
höchstens die Namen der Personen, alles andere ist nackte Realität.“
„Sehen
Sie sich die Zauberflöte
an und dann Tosca.
Da
fällt
auf, dass Puccinis Musik eine Intensität erreicht, von der Mozart
nur träumen konnte. Darin spiegelt sich der Fortschritt von 120
Jahren.“
Ausserdem
wollen auch andere Leute zu Wort kommen, also beschränke deine
eigenen Beiträge. Wenn
du etwas
zu einem
Thema gesagt hast, reiche den Stab weiter an die
nächste Person
mit „Was denken Sie
zum Thema Opern und Operetten?“ oder „Was meinen Sie zu Computern
und Philosophie? Kommen die Philosophen heutzutage noch mit?“
Egal,
was die Leute antworten, sie werden dabei erneute Anknüpfungspunkte
liefern und ihr werdet ganz automatisch auch auf andere Themen
kommen. Auch
hier gilt:
Schweigen ist das Schwierigste – aber auch das Lohnendste. Übe das
Zuhören, das Verstehen und
sie werden dich dafür lieben.