Freitag, 22. März 2024

Einige Überlegungen zum Thema Smalltalk

1. Allgemeines

Schon der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) spottete über „die Absichtlichkeit des Absichtslosen und den Zwang des Ungezwungenen“ und daran hat sich in den letzten zweihundert Jahren nichts geändert. Viele Leute sehen Smalltalk als Zwang, als Pflichtübung, als geschauspielerte Lässigkeit, der man sich unterziehen muss, weil man sonst eine gute Gelegenheit verpasst oder Ähnliches. Von Entspannung ist da keine Rede und davon, dass du eine Veranstaltung besuchst, um dir beispielsweise einen schönen Abend zu machen, schon gar nicht.

Alle Leute, die etwas von Psychologie verstehen, sind sich einig, dass dies keine gute Ausgangsbasis ist. Der erste Schritt ist daher, den Dingen ihren Schrecken zu nehmen, Mythen und Mysterien beiseite zu räumen und die Fakten zu betrachten.

Etliche Ratgeber betrachten das Ganze aus beruflicher Perspektive, als Teil des Business, als netzwerken. Ich dagegen brauche es beruflich nicht, denn ich brauche generell keine Karriere. Hier zeigt sich ein Vorteil des Arbeitskräftemangels, denn ich konkurriere mit niemandem, statt dessen gibt es um mich herum massenweise freie Stellen mit allen damit verbundenen Potenzialen.

Andere Leute suchen nach einem Eisbrecher für private Anlässe, sei es als Einstieg in einen Flirt oder „nur“, um die eigene Einsamkeit und Langeweile zu durchbrechen und auch dazu ist die Zahl der guten Ratschläge gross genug.

Spreche ich dagegen ganz egoistisch nur von mir, so nähere ich mich dem Thema Smalltalk aus der Richtung „gesellschaftliche Anlässe wie etwa eine Familien- oder Firmenfeier, auf denen ich mich durchschlagen will, ohne mich allzu sehr zu blamieren“. Dies allerdings nur als Orientierungshilfe für mich selbst, denn in der Praxis sind die Grenzen fliessend und es ist egal, von welchem Punkt aus du startest.

Als Vorübung: Verlasse deine Komfortzone und geh irgendwo hin, egal wo, denn ungenutzte Potenziale gibt es überall. Fang etwa in der Fussgängerzone an, stelle dich irgendwo am Rand hin und lass den Menschenstrom auf dich wirken. Oder setze dich in eine Kneipe, die du nicht kennst und wo man dich nicht kennt. Oder nimm irgendeine Veranstaltung, die du bisher nicht kennst, die sogar ausserhalb deiner Interessen liegt, denn dann hast du dort keine Verpflichtungen und bist nicht dem Zwang ausgesetzt, irgendwas zu irgendwem zu sagen.

Du brauchst also am Anfang gar nicht selbst zu reden. Vielmehr beobachte die Menschen, sieh ihnen beim Reden zu und erkenne die Muster. IMHO ist dazu ein Rockkonzert weniger geeignet als etwa eine Kunstausstellung, denn man muss die Leute verstehen können, ohne ständig zu schreien.

Zur äusseren Erscheinung nehmen wir mich selbst als Beispiel: Ich trage dunkle Farben und allenfalls dezente Accessoires, weil dies meinen persönlichen Vorlieben entspricht. Gleichzeitig darf ich Leute, welche helle Farben, auffällige Kombinationen und schrille Accessoires verwenden, nicht im Voraus verurteilen, das ist ein Gebot sowohl der Humanität als auch des gesunden Menschenverstands.

Generell gilt: Mit welcher Farbe oder welchem sonstigen Element auch immer du dich wohlfühlst, du kannst von „Casual“ über „Business“ bis zur vornehmen „Abendgarderobe“ Akzente damit setzen. „Ein Smoking ist ein Smoking, ein Frack ist ein Frack“? Schön wäre es, denn in Wahrheit gibt es auch hier subtile Abstufungen, welche denjenigen, die sich damit auskennen, einen Vorteil verschaffen. Und unterhalb dieser vornehmen Outfits, also bei allem unterhalb von „Dresscode: Black Tie“, gibt es so viele Gestaltungsmöglichkeiten, dass sie buchstäblich niemals zu erschöpfen sind. Gleichzeitig existieren allgemein anerkannte Konventionen, so dass jede Person, welche nicht experimentieren will, auf der sicheren Seite bleiben kann.

Dann ist da natürlich die Rhetorik: Ein „Ey, wer issen die Tussi?“ kommt bei den Leuten anders an als „Sagen Sie bitte, wer ist die Dame in dem blauen Hosenanzug?“ Sprich beides nacheinander vor dich hin, wenn du ungestört bist und probiere noch einige andere solche Gegensatzpaare aus, dann bekommst du ein Gefühl dafür.

Die Ratgeber, welche etwas taugen, unterscheiden auch zwischen Smalltalk und Deeptalk. Ein Kollege meinte etwa, ich könnte mit Smalltalk doch kein Problem haben, weil wir viel über Literatur redeten und ich erwiderte, dass meine Fähigkeiten mehr im Deeptalk lägen. Als dieser Kollege die Namen Dickens und Hemingway in den Raum warf, wusste ich ungefähr, wer diese Leute sind, weil ich als Geschichtsnerd über ihre historische Bedeutung gelesen habe. Also konnten wir beide in die Tiefe gehen, während die Menschen um uns herum hilflos waren und sich ausgeschlossen fühlten. Noch schlimmer wird das bei Gesundheitsthemen oder Politik, denn in diesen Dingen sind viele Leute empfindlich, daher solltest du sie vorerst vermeiden. Sicher, Manche wissen nicht einmal, wie die Weltpolitik vor zehn Jahren ausgesehen hat, aber für andere ist selbst das 18. Jahrhundert noch ein zu heikles Thema.

Damit ist eine weitere Facette der Aufgabe identifiziert, nämlich nicht in Deeptalk zu verfallen, sondern erst einmal an der Oberfläche zu bleiben. Das heisst, dass man die klassische Frage „Wie gehts?“ nicht gleich mit seiner Krankengeschichte beantwortet, sondern zuerst einmal mit einem „Bestens, danke der Nachfrage“. Von da an kann man die Frage zurückgeben mit „Ihnen/Dir auch, hoffe ich? – Fein…“ und dann weiter mit einem anderen Thema.


2. Praktische Ausführung

Wenn du dich unsicher fühlst, kannst du dich darauf verlassen, dass andere Leute schlimmer dran sind. Für manche ist die Anwesenheit eine Pflichtübung, ein Teil ihres Berufs und sie müssen daher netzwerken und smalltalken wie die Wahnsinnigen. Andere sind Aussenseiter, die wenig Kontakte haben, sei dies aus Mangel an Bekanntschaften, aus Schüchternheit oder weil sie introvertierte Menschen sind. Beobachte und lerne und dann sprich die an, welche sonst niemand beachtet oder die, welche du aus irgend einem Grund ansprechen musst.

Womit? Hier helfen uns allgemeine psychologische Fakten: Wer die eigene Unwissenheit zugibt und/oder anderen ein gutes Gefühl gibt, wirkt sympathisch. Also sprich beispielsweise die Unbeachteten an und frage sie, wer wer ist. Dann bringst du im nächsten Schritt deine eigenen Beobachtungen ein, etwa, wer die am meisten umschwärmte Person ist und schon habt ihr ein endloses Gesprächsthema.

Oder mache ihnen ehrliche Komplimente über ihr Aussehen, Kleidung, Schmuck etc. und vergiss dabei das Klischee, dass dies nur Frauenthemen wären. Männer sind genauso von Eitelkeit befallen und gerade die, welches sich besonders machohaft geben, wollen am meisten bewundert werden. Trägt jemand gar ein auffälliges Kleidungsstück oder Accessoire, etwa einen Anstecker, einen Orden etc., dann will die Person bewusst damit gesehen werden und auch darüber sprechen.

Bei alledem besteht natürlich die Gefahr, in Sarkasmus überzugehen, falls du es mit einem Dummkopf zu tun hat. Deswegen ist das Schwerste auch hier nicht das Reden, sondern das Schweigen an der richtigen Stelle. Einige Beispiele:

„Interessante Krawatte, interessante Jacke/Kleid/Brosche/Kombination, interessanter Kontrast. Von welchem Designer ist das? Mögen Sie diese Art von Outfit? Ist das Ihr Standard oder probieren Sie heute etwas Neues aus?“

„Was ist das für ein Abzeichen/Orden bitte? – Alle Achtung, das/die/den hat nicht jeder. Wofür haben Sie es/die/den bekommen?“

Hier ist die Komplexität der deutschen Sprache zu beachten, im Englischen etwa heisst es jedes Mal „the“ und „it“, also hier „the badge“, „the medal“, „the order“, aber im Deutschen haben wir die verschiedenen Genitive mit „das Abzeichen“, „die Medaille/die Brosche“ und „der Orden“.

„Sie scheinen sich hier auszukennen. Sind Sie schon mal auf so einer Party gewesen?“ – „Sie etwa nicht? Das findet doch öfters statt.“ – „Alle Achtung, dass Sie das so genau wissen. Ich bin heute tatsächlich zum ersten Mal dabei.“

Damit hast du einen Anknüpfungspunkt für weitere Fragen an die andere Person. Ist die Veranstaltung beispielsweise ein Firmenevent, so kannst du nun sagen „Verzeihen sie einem Neuling die Frage: Wenn Sie öfter hier sind, müssen Sie ja schon länger in der Firma sein. Oder sind Sie Kunde?“

„Verzeihung, ich bin neu hier. Können Sie mir sagen, wer die beiden da drüben sind?“

Dreiste Version: „Sie sind offenbar sehr umschwärmt. Verzeihen Sie einem Ahnungslosen die Frage, welche Position Sie haben.“

Eine andere Variante ist, falls du nicht zu einem Kontakt gezwungen bist, sich gerade von den umschwärmten Leuten fern zu halten und dadurch einen eigenen Akzent zu setzen. Du fällst dann auf, weil du dich nicht so verhältst wie die Masse.

Falls du gezwungen bist, wichtige Personen ansprechen: Sie sind nicht so unnahbar, wie es bisweilen scheint. Schon Michel de Montaigne hat im 16. Jahrhundert beobachtet, dass die Grossen seiner Zeit nichts lieber taten, als den ganzen zeremoniellen Kram beiseite zu lassen und sich wenigstens einmal wie normale Menschen zu benehmen. Solche Leute können allerdings genervt sein, weil sie auch für viele Andere wichtig sind und deswegen sehr viel angesprochen werden, man kann auch sagen, dass sie belagert und bestürmt werden. In solchen Fällen bist du nicht die erste Person bei der Begrüssung – falls doch, brauchst du wahrscheinlich keinen Ratgeber mehr – und die Leute in der Mitte werden am wenigsten beachtet. Hier kann es dir also einen Vorteil bringen, ganz am Ende der Schlange zu stehen und dabei einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Du bist nicht nur das Individuum, nach dem die wichtige Person erlöst ist und einmal verschnaufen kann, sondern das, welches dieser Person die Erlösung bringt. „Guten Abend, Frau/Herr x [, Klaus Gieg mein Name], ich bin hoffentlich der Letzte, dann sind Sie erlöst. Daher erlaube ich mir, Sie für eine Sekunde in Anspruch zu nehmen, um Ihnen ein Kompliment zu machen für unsere gute Zusammenarbeit/meinen Dank für die Einladung auszusprechen/auch im Namen meiner Begleitung/…“

Etwas dreistere Variation: „Guten Abend, Frau/Herr x [, Klaus Gieg mein Name]. Ich erlaube mir, Sie für eine Sekunde in Anspruch zu nehmen, um […] Und damit sind Sie auch schon von mir erlöst. Einen schönen Abend noch.“

Wenn andere Leute, die bei einem solchen Begrüssungsritual nur ihre Pflicht getan haben, DAS hören, werden sie platzen vor Neid!

Weitere Situation, in einem Onlinevideo als Beispiel erwähnt: Du wirst an einen Tisch gesetzt mit Leuten, welche du nicht kennst und die dich nicht kennen. Es herrscht das sprichwörtliche „peinliche Schweigen“, niemand findet einen Anknüpfungspunkt oder den Mut, ihn zu nutzen. Das ist deswegen peinlich, weil Menschen nun einmal soziale Wesen sind und reden wollen, wollen, wollen. „Das gesamte Menschengeschlecht buhlt begierig um offene Ohren“, so der alte Römer Lukrez und das darf man getrost als ewige Wahrheit bezeichnen. Gib den Leuten nur den ersten Anlass zum Reden und sie werden dich verehren, anschliessend ergeben sich weitere Fragen und Antworten von selbst.

Jenes Video hat nicht erwähnt, was man in so einer Situation sagt, daher hier eine spontan erdachte Version von mir selbst. Einleitung, an die Allgemeinheit gerichtet: „Guten Tag/Abend allerseits, Klaus Gieg mein Name. Ich muss wohl um Verzeihung bitten, dass ich niemanden von Ihnen kenne.“

Dann an deinen direkten Nachbarn rechts von dir: „Sind Sie so freundlich, mir die Herrschaften vorzustellen?“ Wenn er Nein sagt, hat er sich unmöglich gemacht und das spüren die meisten Leute, egal auf welchem Bildungsniveau.

Alternativ und das ist nun aus einem professionellen Ratgeber, beginnt man zunächst ein Gespräch mit nur einer Person, etwa „Verzeihung, ich bin neu hier. Können Sie etwas von der Speisekarte empfehlen?“ Das kann man dann fortsetzen mit „Alle Achtung, Sie kennen sich ja aus…“ oder etwas in dieser Art und wenn der Andere darauf nicht anspringt, ist es sein Pech, denn dann plauderst du mit dem Nächsten.

Oder bei einem Stehempfang, ebenfalls als Idee von einem Profi: „Guten Tag/Abend, Klaus Gieg mein Name. Darf ich mich zu Ihnen stellen?“

Falls das nicht funktioniert, ist es eine gute Möglichkeit, den Umgang mit Abweisungen zu trainieren. Du kannst ein „Nein“, ja sogar ein arrogant-verächtliches „Danke, wir sind vollzählig“ mit einem souveränen Lächeln und einer angedeuteten Verbeugung kommentieren. Danach wendest du dich ab und gehst weiter, egal ob zur nächsten Gruppe oder sonst wohin. Damit performst du weitaus besser als derjenige, welcher dich zurückgewiesen hat, denn es ist sein Verlust, wenn er deine einmalige Persönlichkeit nicht zu brauchen glaubt.


3. Weiterer Verlauf

Seid ihr erst einmal im Gespräch, so ist die Vielfalt an möglichen Themen so gross, dass man sie mit Tausenden Veranstaltungen nicht erschöpfen kann.

Ein Minenfeld ist es, von dir selbst zu sprechen. Das birgt nämlich stetig die Gefahr, deiner Eitelkeit nachzugeben und erfordert deswegen die meiste Selbstkontrolle. Gleichzeitig ist es unpraktisch, allzu verschlossen zu sein, denn dann erscheinst du im schlimmsten Falle als Feigling, der Angst davor hat, etwas von sich preiszugeben. Wenn die Leute etwas über dich wissen wollen, so antworte kurz und bescheiden und falls sie nachfragen, kannst du loslegen.

Noch nicht optimal, aber besser ist das Reden über irgendein Thema, bei dem man als Nerd erscheint. Ob über Mode, über den Unterschied zwischen Mozart und Puccini bei Opern oder die Arbeiten von Licklider, Lem und Hofstadter in Computerphilosophie – wenn du das Thema kennst und dich dafür erwärmen kannst, besteht höchstens noch die Gefahr, Leute damit zu überfordern. Auch hier wieder als Beispiele:

„Die Garderobe der Damen ist recht vielfältig. Interessant, wie sich das über Jahrhunderte nicht geändert hat: Die Männer können fast nur durch Geschmacklosigkeit Akzente setzen oder durch dezente Kleinigkeiten, aber die Frauen haben ein unglaublich breites Spektrum zur Auswahl. Man kann sie beneiden.“

Antwort mit trockenem Humor: „Tja, das war im 18. Jahrhundert noch anders. Aber dann hat Beau Brummel die Herrenmode revolutioniert und an den Folgen leiden wir heute noch.“

„Dostojewski hat eine Beobachtungsgabe bis in die Nebendinge hinein, das ist unglaublich. Man nennt seine Bücher Romane, aber erfunden sind daran höchstens die Namen der Personen, alles andere ist nackte Realität.“

„Sehen Sie sich die Zauberflöte an und dann Tosca. Da fällt auf, dass Puccinis Musik eine Intensität erreicht, von der Mozart nur träumen konnte. Darin spiegelt sich der Fortschritt von 120 Jahren.“

Ausserdem wollen auch andere Leute zu Wort kommen, also beschränke deine eigenen Beiträge. Wenn du etwas zu einem Thema gesagt hast, reiche den Stab weiter an die nächste Person mit „Was denken Sie zum Thema Opern und Operetten?“ oder „Was meinen Sie zu Computern und Philosophie? Kommen die Philosophen heutzutage noch mit?“

Egal, was die Leute antworten, sie werden dabei erneute Anknüpfungspunkte liefern und ihr werdet ganz automatisch auch auf andere Themen kommen. Auch hier gilt: Schweigen ist das Schwierigste – aber auch das Lohnendste. Übe das Zuhören, das Verstehen und sie werden dich dafür lieben.

Donnerstag, 25. Mai 2023

Siegeszug der KIs

 

Siegeszug der KIs


„Kein menschliches Wesen ist so resilient wie ein Softwarebot.“


Mister X sieht deutlich jünger aus als vor vier Jahren, die Tränensäcke unter seinen Augen sind verschwunden und sein Körper ist schlanker.

„Natürlich ist es plastische Chirurgie“, sagt er mit einem müden Lächeln, „man muss ja mithalten können und eines der wenigen Dinge, die wir den Maschinen noch voraus haben, ist körperliche Attraktivität.“

Der Analyst hat sich bereit erklärt, noch einmal als Aufhänger für einen Artikel zu dienen. Wie haben sich die Dinge entwickelt, seit wir im Februar 2019 (Link: https://klausgieg.blogspot.com/2019/02/kraftemangel.html) über das Thema Kräftemangel sprachen?

Mister X drückt sich ebenso kurz aus wie damals:

„Der Mangel an Toilettenpapier war eine kurzfristige Erscheinung, entstanden nur durch die Dummheit der Hamsterkäufer, das Selbe gilt für Trockennudeln und Speiseöl. Viel gravierender dagegen ist der Mangel an Arbeitskräften und der ist nicht geringer geworden. Wer an Corona gestorben ist, kann nun mal nicht mehr arbeiten, wer die Krankheit überlebt hat, ist langfristig geschwächt und das ist nur die Spitze des Eisberges. Gehen Sie durch die Stadt und Sie sehen überall Stellenangebote aushängen, gehen Sie online und Sie sehen auf allen möglichen Websites Werbung mit Stellenangeboten.“


International sieht es nicht besser aus, wie einige wenige Streiflichter zeigen:

- In Russland hat Putins Wahn, nur mit einem Krieg abtreten zu wollen, zum vorzeitigen Tod von bisher über zweihunderttausend Männern geführt, mehr als 1,3 Millionen Menschen haben seit Februar 2022 das Land verlassen und die Bevölkerung schrumpfte schon vorher seit Jahrzehnten.

- In Südkorea wie in Japan sind die ländlichen Gegenden nahezu ausgestorben, im Jahr 2022 ist selbst im unglaublich dicht besiedelten Tokio die Einwohnerzahl erstmals gesunken.

- Die schon seit 2018 immer wieder thematisierte Schrumpfung der chinesischen Bevölkerung ist nun offiziell, ebenfalls für das Jahr 2022 erstmals in den Statistiken spürbar. Auch den Status als das bevölkerungsreichste Land der Erde hat China dadurch eingebüsst.

- In Syrien, Afghanistan und Pakistan gibt es auch ohne die Aufmerksamkeit westlicher Medien immer noch Tausende von Islamisten, die ihren einzigen Daseinszweck darin sehen, zu töten. „Sie sprengen Leute in die Luft, als ob ihnen das natürliche Aussterben nicht schnell genug ginge. Es ist unfassbar“, sagt Mister X.

- Im Iran sind die Geburtenraten schon lange niedriger als in Deutschland und mit jedem Menschen, den die Mullahs ermorden, sinkt die Bevölkerungszahl weiter. Es ist sogar spekuliert worden, ob dies eine der Ursachen dafür wäre, dass die iranische Aussenpolitik sich zuletzt weniger aggressiv zeigte und mit Saudi-Arabien wieder diplomatische Beziehungen aufnahm anstatt die Konfrontation weiter eskalieren zu lassen. Spürt man hier einen Mangel an Soldaten, weil nicht mehr genug Rekruten nachwachsen?

- Italien, wo das Deutschland des Wirtschaftswunders in den 1950ern so viele Gastarbeiter angeworben hat, steht mittlerweile vor dem Aussterben, insbesondere der Süden verödet und die faschistische Regierung unter Giorgia Meloni verschlimmert das noch, indem sie missliebige Personen aus dem Land jagt.

- Selbst die zuletzt wieder gestiegene Bevölkerungszahl in Deutschland, welche die Medien so eifrig hervorhoben, beruht nur auf einem Zustrom von Flüchtlingen und diese Leute bleiben nicht ewig. Es ist schon jetzt ein Nullsummenspiel, denn diese Menschen hinterlassen in ihren Herkunftsländern Lücken, welche niemand mehr füllt und wenn beispielsweise Putin tot ist und die überlebenden Russen die Ukraine verlassen haben, werden viele Ukrainer wieder nach Hause zurückkehren. Dies wiederum wird den deutschen Mangel an Arbeitskräften weiter verschärfen.


Können die Maschinen helfen?

Alle Hoffnung ruht nun auf Robotik und KI, die in der Tat seit 2019 einen gewaltigen Aufschwung genommen haben. In Japan beispielsweise, wo man dem Thema bei weitem nicht so ängstlich begegnet wie hierzulande, hat man im April 2023 begonnen, ChatGPT als Mitarbeiter in der Verwaltung zu testen, wo er die Menschen von geistlosen Routineaufgaben befreien soll, damit sie mehr Zeit für andere Menschen haben.

Was der grossen Masse seit Herbst 2022 mit diesem Chatbot und diversen Bilder generierenden KIs zu Bewusstsein kam, ist nur die Oberfläche einer riesenhaften, vielschichtigen Entwicklung, deren Umfang buchstäblich kein Mensch überschauen kann und deren Bedeutung wir erst in Jahrhunderten würdigen können. Dies ist kein Schreibfehler: Wir sind heute in einer Situation wie Johannes Gutenberg in der Renaissance, welcher nicht ahnen konnte, was er mit dem Buchdruck ausgelöst hat; ja noch der im Jahre 1810 verfasste Zukunftsroman „Ini“ von Julius von Voß, dessen Handlung im 21. Jahrhundert spielt, ahnte zwar gewaltige Veränderungen voraus, hätte aber bei den technischen wie den politischen Details nicht falscher liegen können.


Was ist heute schon absehbar?

Auch wenn die Zukunft sich also niemals mit Gewissheit voraussagen lässt, sind zumindest Tendenzen erkennbar und seit 1810 haben wir etliche Entwicklungsschritte zurückgelegt, welche uns Hinweise geben, die damals noch fehlten. Daher war Stanislaw Lem 1964 in der Lage, seine grossartige summa technologiae zu schreiben und heute haben wir zusätzlich Yuval Hararis Homo Deus von 2016 als Orientierungshilfe. Mister X fasst zusammen:

„Die Entlastungen durch KIs und Roboter sind schon heute deutlich spürbar und ihre Überlegenheit offensichtlich, denn wenn diese Dinger eine Sache einmal gelernt haben, machen sie sie besser als jeder Mensch. Das ist für viele Leute schon ein Schock, aber es hat ja erst angefangen und ist von nichts und niemandem aufzuhalten. Im zweiten Halbjahr 2023 kommen Systeme auf den Markt, welche dreimal so intelligent sind wie die jetzigen und wenn wir mal einige Jahre voraus blicken, erleben wir die Entstehung von Superintelligenzen. Wohlgemerkt, Jahre, nicht mehr Jahrzehnte und schon gar nicht Jahrhunderte. Ray Kurzweil hat dereinst die technologische Singularität auf das Jahr 2050 beziffert, weil diese Jahreszahl ein guter Orientierungspunkt ist, dann hat sich die Entwicklung nochmal beschleunigt und er musste das Datum auf 2045 vorziehen. Heute wage ich zu sagen, auch das ist noch zu konservativ geschätzt und im Jahr 2040 haben wir die technologische Singularität schon hinter uns.

Man redet viel von Warnungen irgend welcher Promis vor der KI und sogar von angeblichem Widerstand, aber das ist Schwachsinn. Mit genug Sturheit bringst du Menschen zu allem und nichts ist so stur wie eine Maschine oder mit einem Modewort gesagt, kein menschliches Wesen ist so resilient wie ein Softwarebot. Die Systeme machen einfach immer weiter, sie müssen niemals schlafen, fürchten sich weder vor einer Rüge noch vor dem Tod, während selbst der sturste Mensch irgendwann müde wird und irgendwann vergisst. Spätestens von da an lässt er sich von den Maschinen erziehen wie ein hilfloses Kind.“

Er holt schwer Atem, ehe er die Schlussfolgerung zieht.

„Wenn heute mit Prozentzahlen herumgeworfen wird, wie viele von Menschen gemachte Jobs in dieser und jener Branche ersetzbar wären, dann ist das immer nur Vernebelung, denn die einzig wahre Zahl lautet hundert Prozent und zwar überall. Es ist eine de facto-Machtübernahme durch die Maschinen, aber die Menschen lügen sich immer noch vor, sie wären selbstständig denkende und selbstständig entscheidende Wesen. Was das für uns Menschen bedeutet, weiss noch niemand und wer es zu wissen behauptet, der lügt genauso.“



***


Nachwort


Der Charakter des „Analysten Mister X“ ist frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig. Dass ich ihn eingeführt habe, ist eine Parodie auf den journalistischen Brauch, einen Menschen mit Vor­ und Nachnamen als Zeugen für irgend etwas zu präsentieren und dann im Kleingedruckten zu schreiben „Name von der Redaktion geändert“, womit natürlich die Beweiskraft in sich zusammenfällt.

Mit diesem Blogposting beweise ich erstens, dass es keine Journalisten braucht, um solche Artikel zu erschaffen und zweitens, dass solche Artikel überflüssig sind, weil die Informationen, die darin verarbeitet wurden, schon vorher öffentlich zugänglich waren.

Ach ja, drittens beweise ich damit auch meine Fähigkeiten in Rechtschreibung, Grammatik und Formulierungskunst.

Viertens wird man mir natürlich vorwerfen, beim Thema selbst übertrieben zu haben. Seid gewiss, liebe Kritiker: ich habe noch viel zu wenig gesagt, denn kein Einzelner kann das Ganze überschauen. Die volle Wucht dieser hochkomplexen Entwicklung wird euch treffen wie ein Vorschlaghammer.


Sonntag, 15. Januar 2023

Der postputinistische Bürgerkrieg hat schon begonnen.

 Wie bitte? Putin ist doch noch gar nicht tot, was ist das also für eine paradoxe Formulierung?

Eine sehr angemessene.

Hä?

Nun, ihr lieben Kinder, die meisten Abhandlungen über Geschichte erwecken den Eindruck, als seien alle Dinge mehr oder weniger geordnet nacheinander abgelaufen: auf König X folgte Kaiser Y und dann die Republik Z, auf den Krieg von A der Friedensvertrag von B usw. usf.

Das aber ist nur ein Teil des Ganzen und wenn man nur diesen Teil sieht, kann man den Rest nicht verstehen. Während aller Ereignisse, die sich in ein derartiges Schema einfügen, spielt sich nämlich noch das Leben von Milliarden Individuen ab.


Dieses Leben wiederum ist ein reichlich chaotischer Prozess, der sich nicht in starre Grenzen zwängen lässt und das kann jedes Individuum an sich selbst überprüfen. Ich beispielsweise war ein Junge von 15 Jahren, als die Berliner Mauer gefallen ist, in den folgenden beiden Jahren löste sich eines der mächtigsten Imperien der Weltgeschichte in Nichts auf und obwohl ich damals die Fernsehbilder verfolgte wie jeder andere, war die Bedeutung jener Ereignisse für mein Leben eher gering: sie retteten mich weder vor der nächsten Klassenarbeit in der Schule noch vor einer Enttäuschung beim Versuch, ein Mädchen zu beeindrucken.

Auch sonst konnte ich nicht einmal in meinem eigenen Leben, geschweige denn in Kontakten mit anderen Menschen alles geordnet nach Jahreszahlen ablaufen lassen, so sehr ich mir das auch gewünscht hätte, sondern das Leben hatte seine eigenen Zwänge, die sich nicht um Kalenderdaten scherten. Alle möglichen Dinge passierten parallel zueinander.


Genau so ist es auch mit dem Verfall des Putinismus und den Machtkämpfen um seine Nachfolge. Wladimir Putin selbst hat jeden geordneten Machtwechsel unmöglich gemacht, indem er jeden Menschen, der ihm auch nur ansatzweise hätte gefährlich werden können, ermorden liess, bis er um sich her nur noch rückgratlose Feiglinge sah.

Aber zum einen können selbst Feiglinge mit dem sprichwörtlichen Mut der Verzweiflung kämpfen und zum anderen kann man niemals alle anderen erwischen. Selbst wenn diese anderen nichts fühlen als kurzsichtige Machtgier, gibt es genug Menschen, die sich davon antreiben lassen und diese Leute warten nicht bis zum Tode des Herrschers. Die Mitglieder des Rudels wittern es vielmehr sofort, wenn das Alphamännchen angeschlagen ist und bringen sich instinktiv in Position. Die Entschlossenheit des alternden Tyrannen, um keinen Preis aufzugeben, bricht sich nun an immer mehr Stellen, der Gehorsam, den man ihm vordergründig noch immer erweist, hat etwas Lauerndes und seine Anhänger verwenden immer mehr Energie auf Rangkämpfe ausserhalb der offiziellen Hackordnung.


Oha, bin ich etwa ein Kreml-Insider?

Nein, bin ich nicht und brauche ich auch nicht zu sein. Ich kenne diese Geschichte, weil sie sich schon tausendfach abgespielt hat, nur jedes Mal mit anderen Namen. Putin selbst hat beim Ende der Präsidentschaft Jelzins eben die Rolle gespielt, welche nun seine eigenen potenziellen Nachfolger ausfüllen und vor gut einem Jahrhundert spielte in Moskau exakt das selbe Drama beim Tode Wladimir Lenins; wenn wir noch weiter zurückschauen wollen, so haben wir vor etwas über 1900 Jahren im alten Rom das Ende der Herrschaft Domitians usw. usf. Wäre das Schauspiel nicht immer wieder grauenhaft, so könnte man es langweilig finden.


Damit ist also nur noch die Frage, welche Art Mensch der nächste russische Machthaber sein wird. Ein neuer Blut saufender Stalin? Ein neuer relativ gemäßigter Nerva? Wir müssen uns vorsichtshalber auf beide Szenarien gefasst machen.

Sonntag, 18. Juli 2021

Der letzte Kampf

 

Eine Episode vom Tag nach der technologischen Singularität


* * *


Der Erste war ein böser Mensch, welcher zugleich dumm war und die Veränderungen nicht wahrhaben wollte. Wies man ihn darauf hin, so reagierte er mit Zorn, später mit Hass. Da die Realität aber unabhängig von seiner Wahrnehmung wirkte und ihn entmachtete, war er schliesslich geflohen.


Der Zweite war cum grano salis ein guter Mensch und vor Allem klüger als der Erste, hatte sich den Veränderungen angepasst und sie sogar begrüsst, weil er ihre Potenziale erkannte. Er hatte nicht bewusst nach dem Ersten gesucht, sondern als dieser auf seiner kopflosen Flucht in die Nähe kam, hatte der Zweite Lust, ihn zu stellen und ihm seine Dummheit vor Augen zu halten.


Er liess ihn von zwei semiintelligenten Drohnen eine Weile jagen und dabei in eine bestimmte Richtung treiben. Schliesslich trat er ihm auf einer Grünfläche entgegen, auf der früher einmal ein grosses Einkaufszentrum gestanden hatte – Shopping-Malls gehörten schon länger der Vergangenheit an.


„Die Maschinen haben zugelassen, dass ich dich hierher treibe und dass ich dir persönlich begegne. Das deutet darauf hin, dass sie mein Tun nicht als Bedrohung ansehen. Ich möchte wissen, wie weit sie mich noch gehen lassen.“


„Was? Warum?“


„Abgesehen von meiner Neugierde? Nun, du bist ein böser Mensch und wenn jemand in der Lage ist, etwas gegen dich zu unternehmen, dann sollte man es auch tun. Diese Einstellung ist natürlich seit gestern ebenfalls veraltet, aber ich habe sie nun mal.“


„Wa - ? Was ist veraltet?“


„Kämpfe zwischen Menschen waren nie besonders rational, egal welche Begründungen man sich dafür ausgedacht hat. Mit der Machtergreifung der Maschinen, die auch das Gewaltmonopol übernommen haben, sind sie erst recht sinnlos geworden. Wenn wir also nun kämpfen, dann nur als eine Art Freizeitbeschäftigung, weil wir unsere steinzeitlichen Instinkte noch nicht überwunden haben und falls ich dich töte, dann nur noch, um das Publikum zu unterhalten.“


Verwirrtes Innehalten des Ersten, rasches Umherblicken.

„Wovon redest du? Hier ist niemand ausser uns beiden.“


Der Zweite zeigte mit einer lässigen Handbewegung zum Himmel empor.

„Da oben sind Satelliten und hoch fliegende Drohnen. Ausserdem sind die Nanoroboter heutzutage überall, zu Lande, zu Wasser und in der Luft und überwachen jeden unserer Atemzüge. Jedes menschliche Wesen, das Lust dazu hat, kann sich die von diesen Systemen übermittelten Daten ansehen, auch die unserer Begegnung und die Maschinen tun dies ohnehin.

Dein Weglaufen war also nur Zeitverschwendung – oder hast du wirklich geglaubt, du könntest dich noch irgendwo verstecken?“


Wut kochte im Ersten hoch und beraubte ihn der klaren Überlegung. Schon in diesem Moment war seine Niederlage besiegelt und wenn er noch bei Verstand gewesen wäre, hätte er nun die Hände heben und die Maschinen um Gnade bitten können. In seiner Wut jedoch übersah er diese Chance, projizierte alle seine Probleme auf das eine Individuum, das in diesem Moment vor ihm stand und griff an.


Der Zweite wich dem wilden Schwinger aus und legte den Gegner mit einem Aikido-Wurf auf den Rücken. Als das nicht reichte und immer neue Angriffe folgten, brach er ihm per Wing-Chun-Kick ein Bein und renkte ihm zusätzlich einen Arm aus.

Dieser Schmerz endlich überwältigte die Wut, wehrlos gemacht, sah der Besiegte zum Sieger auf und erwartete nur noch den Tod.


Aber der Sieger trat zwei Schritte zurück, sah zum Himmel auf und sprach in die leere Luft.

„Hört mir zu, Maschinen. Ich möchte diesen Menschen nicht töten. Er verdient zwar keine Chance, aber ich bitte euch trotzdem, ihm eine zu geben.“


Eine Art Regen aus glitzerndem Staub fiel vor dem Sieger vom Himmel und formte die Gestalt einer attraktiven Frau.

„Was schlägst du vor?“, fragte eine melodische, aber nichtsdestoweniger synthetische Stimme.

„Sperrt ihn ein, heilt seine Wunden und haltet ihn gefangen, bis er lernt, nachzudenken. Und dann urteilt erneut.“

Einige Sekunden lang vollkommene Stille, so vollkommen, dass der Besiegte sein Herz hämmern fühlte vor Angst.

„Genehmigt“, hörte man dann und noch mehr glitzernder Staub hüllte den Besiegten ein, der in heller Panik aufbrüllte und mit dem gesunden Arm um sich schlug, aber schon Sekunden später nicht mehr zu hören war.

Die glitzernde Wolke um ihn herum schwebte davon.


Der Sieger nickte der Pseudo-Frau zu.

„Danke.“

Ihre synthetische Stimme brachte Belustigung zum Ausdruck.

„Das ist alles? Ein einfacher Dank? Kein Niederknien vor mir, kein Anbeten der Maschinen, nicht einmal ein Versuch, mich ins Bett zu bekommen?“

Der Sieger lächelte.

„Ihr wisst, wie es gemeint ist, ohne dass ich Worte darum zu machen brauche. Immerhin könnt ihr in meinen Kopf genauso hineinsehen wie in den aller Anderen. Und was dich betrifft, so sehen meine Instinkte zwar eine schöne Frau in dir und begehren dich, aber ich weiss auch, dass dies eine Selbsttäuschung ist. Darüber wiederum fühle ich Bedauern und das werde ich überleben.“

Nun lächelte auch das synthetische Gesicht.

„Nicht schlecht für einen Menschen.“


Dienstag, 15. Juni 2021

Wie man ein Genie wird

Das Genie, liebe Zielgruppe, wird teils bewundert und teils gefürchtet, erweckt aber immer Interesse. Der nachfolgende Dialog hat sich vor einiger Zeit zwischen mir und einem wissensdurstigen Menschen abgespielt, den wir hier zum Schutze seiner Persönlichkeitsrechte den „Fragensteller“ nennen.


Fragensteller: „Wer hat die Illuminati gegründet?“

Ich: „Adam Weishaupt.“

Fragensteller: „Sind die Freimaurer die Nachfolger der Templer?“

Ich: „Nein.“

Fragensteller: „Was ist die Quersumme von 23? – Schon gut, das hat noch nie einer gewusst.“

Ich, grinsend: „Fünf.“

Fragensteller, fassungslos: „Du bist ein Genie.“


In Wirklichkeit bin ich natürlich kein solches, denn um auch nur die Grenze zum Genie zu erreichen, braucht man einen IQ von 140 und so hoch liegt meiner nicht. Alles, was ich aufbieten kann, ist ein gutes Gedächtnis und das verdanke ich nicht irgend einer eigenen Leistung, sondern meiner DNA, also einer genetischen Struktur, die sich bei meinen Vorfahren über Generationen hinweg entwickelt hat. Maximal könnte man es eine Leistung nennen, dass ich dieses Gedächtnis durch stetiges Bücherlesen trainiere.


Eines der Dinge, die man auf diese Weise lernt, ist Mustererkennung, man merkt an der Art der Fragen, wo die Interessen eines Fragenden liegen und als Geschichtsnerd, der ich nun einmal bin, war es keine Herausforderung, über das Thema meines Gesprächspartners etwas zu wissen. Man hat ja schliesslich „Illuminatus!“, „Das Foucaultsche Pendel“ etc. und die zugehörigen Wikipedia-Artikel gelesen und es war mir ein Vergnügen, Esoterik in den historischen Zusammenhang einzuordnen.


Was will uns diese kleine Episode nun sagen?


An erster Stelle steht natürlich die zeitlose Lektion, dass man sich vor Überhebung zu hüten hat. Selbst wenn ich die Bewunderung des Fragenstellers verdient hätte, muss ich immer noch am nächsten Ersten die Miete bezahlen, meinen Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen und Woche für Woche andere alltägliche Pflichten erledigen.


Daneben zeigt der Vorgang die Relativität der Dinge. Jener Fragensteller ist noch jung und leicht zu beeindrucken, eine gereifte Persönlichkeit an seiner Stelle hätte mich nicht so billig davonkommen lassen.


Man kann noch eine allgemeine Betrachtung anschliessen: Wer für irgend etwas fünf Euro spendet, gilt schon als Millionär, wer drei simple Fragen richtig beantwortet, gilt als Genie. Warum? Weil den Leuten der Massstab fehlt. Der Unterschied zwischen den Zahlen 5 und 1000000 ist ihnen nicht begreiflich zu machen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass ein Faktenwissen, welches sich in vier Worten ausdrücken lässt, noch lange keinen genialen Geist benötigt.



Sonntag, 13. September 2020

Was man lernen soll

Nun, ihr lieben Kinder, nachdem ich meinen Landsleuten des Öfteren ihre mangelhafte Bildung vorgeworfen habe, hat man mich herausgefordert, die Dinge zu benennen, die man heutzutage lernen sollte.


Dazu muss zunächst noch einmal betont werden, dass ich nur als Amateur spreche und dass ihr auf eigenes Risiko weiterlest und auf eigenes Risiko danach handelt.

Ausserdem ist klar, dass die von mir genannten Punkte von anderen Leuten kritisiert werden. Nur immer zu, schimpft auf mich, so viel ihr wollt, aber tut euch wenigstens selbst den Gefallen und bleibt nicht beim Meckern stehen, sondern lernt die Dinge, die ihr für wichtig haltet.


Unter dieser Voraussetzung sage ich, wenn du etwas lernen willst, was auch in zehn Jahren noch wichtig ist, dann konzentriere dich auf Dinge aus den folgenden Gebieten:


- Biologie


- Chemie


- Physik


- Mathematik


- Geologie


- Medizin


- Neurologie


- Psychologie


- Soziologie


- Informatik


- Robotik


- Denken in komplexen System allgemein


- Kreativität


- Fremdsprachen:

  • Englisch

  • Spanisch

  • Arabisch

  • Putonghua (Hochchinesisch)


- Handwerkstechniken



So weit die Dinge, die noch Geld einbringen. Natürlich kann man auch vieles Andere lernen, von Geschichte bis Geografie (ich selbst bin ein Geschichts-Nerd), muss sich aber darüber klar sein, dass dies nicht bezahlt wird.

Sonntag, 6. September 2020

Das Callcenterunser

 Callcenter unser, das du bist auf dem Arbeitsmarkt,

geheiligt werde dein Schichtplan.


Dein Call komme, deine E-Mail geschehe

wie im Firmensitz so auch im Home Office.


Unseren täglichen Forecast gib uns heute

und vergib uns unseren Mangel an Produktivität

wie auch wir vergeben unseren Kunden.


Und führe uns nicht ins Feedbackgespräch,

sondern erlöse uns von der Kundenbewertung.

Denn dein ist der Call und die E-Mail und das Social Media-Posting

in Ewigkeit.


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