Montag, 9. Juni 2014

Eine kurze Kurzgeschichte


„Ganz ehrlich, ich begreife es nicht. Wenn ihr doch wusstet, dass die Politiker in jedem Fall Lügner und Betrüger waren, warum seid ihr ihnen dann gefolgt?“
„Nun“, erwiderte der alte Brite mit einem feinen Lächeln, „Winston Churchill war ein Schweinehund, aber er war unser Schweinehund.“
„Das trifft es“, pflichtete ihm der alte Deutsche bei.
„Wir haben ein solches Wort nicht benutzt, aber Hitler war eben unser Mann.“
Die Enkel und Urenkel der beiden alten Herren sahen sich hilflos an. Sie begriffen eine solche Denkweise nicht.

Erst später begannen sie zu ahnen, dass es jenseits des post-modernistischen Diskurses noch andere Sichtweisen auf die Wirklichkeit gab. Man konnte davon halten, was man wollte, aber sie waren da und beeinflussten das Handeln der Menschen.
Erst von da an wurden ihnen auch andere Dinge verständlich, etwa wie Anfang 1943 in Nordafrika Deutsche und Briten, die gerade noch aufeinander geschossen hatten, am Tag nach der deutschen Kapitulation zusammen Fussball spielen konnten.

Aber wenn die Welt nicht so einfach war, dass man sie dekonstruktivistisch erfassen konnte, wie war sie dann?

China hat Russland gekauft


Äh - Russland ???

Ja, genau dies ist vor gut zwei Wochen geschehen. Natürlich nennt man es anders, aber die Summe der Wirtschaftsverträge, die Putin bei seiner Kriechtour in Peking unterzeichnet hat, bedeutet genau das: den vollständigen Ausverkauf Russlands an China.

Etwas Derartiges hat es buchstäblich noch nie in der Geschichte gegeben. Ganze oder teilweise „Feindliche Übernahmen“ von Ländern durch andere Länder mittels einer Kombination aus militärischem, wirtschaftlichem und diplomatischem Druck gehören zum Normalfall, den man erst seit 1945 für unfein erklärte, aber ein anderes Land zu übernehmen ohne einen einzigen Schuss, nur mit Geld, das ist etwas Neues. Die chinesische Regierung hat einzelne Elemente dieser Strategie schon vorher in Afrika und im Nahen Osten angewendet – vielleicht auch anderswo, das Thema ist so komplex, dass ich sicher Einiges übersehe – und nun ein strategisches Meisterwerk vollbracht, dessen volle Bedeutung wir noch gar nicht erkannt haben und das auf eine Zukunft vorausweist, in der so etwas noch öfter geschehen wird.

In der Sache selbst war es eine Anwendung der klassischen chinesischen Strategeme und zwar, soweit ich als primitiver Westmensch das verstehe, eine Ketten-Strategie, also Strategem Nummer 35 „Verknüpfen von zwei oder mehr Strategemen“ und die beiden verknüpften sind Nummer 9 „Das Feuer am gegenüberliegenden Ufer beobachten“ (warten, bis Putin sich hinreichend selbst geschwächt hatte) und Nummer 12 „Mit leichter Hand das Schaf wegführen“ (zugreifen, als es soweit war).

Darüber hinaus ist das Ganze langfristig angelegt, auch wenn Putin schon Geschichte ist, wird China weiterhin die Kontrolle über Russland haben und behalten bis in alle Ewigkeit. Das bedeutet, dass der innerrussische Machtkampf, der nach dem Sturz und/oder Tod Putins ausbricht, an Bedeutung verloren hat, denn die Kontrahenten müssen essen und ohne den Willen Chinas wird fortan in Russland kein Feld bebaut und kein Schwein geschlachtet.

Freilich wird es noch ewas dauern, die Beute zu sichten und neu zu organisieren, weg vom Moskau-zentrierten System hin zum grösstmöglichen Nutzen für China, aber das Reich der Mitte hat Zeit. Sogar ein Verrückter wie Mao Zedong hatte das begriffen und die geistig gesunde chinesische Führung unserer Zeit weiss es um so besser. Während wir nicht fähig sind, über einzelne Kalenderwochen oder höchstens Quartalszahlen hinauszudenken und uns deswegen einbilden, in Russland hätte sich nichts geändert, kann China tausend Jahre warten, bis sich wieder eine Gelegenheit ergibt und auch jederzeit handeln, wenn die Sache schneller geht.

Sie wird schneller gehen.

Sonntag, 4. Mai 2014

Quantengedanken


Quantengedanken

„ ... wodurch das betreffende Objekt über elf Dimensionen geschmiert wird.“ („Echt zauberhaft“) oder „Was wir als vergehende Zeit empfinden, sind nur Quantenfluktuationen im Gefüge der Raum-Zeit.“ („Die volle Wahrheit“)

Diese Zitate aus Werken von Terry Pratchett halfen mir unerwarteter Weise dabei, die Quantenphysik zu begreifen.

Dass nach Einstein Raum und Zeit, die man zuvor als getrennt ansah, eine Einheit bilden, die vier Dimensionen hat, habe ich verstanden. Dann aber kommt die Quantenphysik mit ihrer Unschärfe und Unvorhersagbarkeit und das wollte mir nicht in den Kopf. Jahrzehnte habe ich damit gerungen.

Erste Hilfe war der Hinweis, dass Schrödingers Katze eine Metapher ist und der Fehler immer darin lag, diese Metapher wörtlich zu nehmen. Popper als Nichtphysiker versuchte es auch mit dem Bild eines Münzwurfs, wobei die Münze nach dem Fall sowohl Kopf als auch Zahl zeigt, solange niemand hinsieht, also „zur Hälfte in dem einen und zur Hälfte in dem anderen Zustand ist“ (Karl-Popper-Lesebuch).
Auf der Makroebene, auf der wir leben und die wir „wirkliche Welt“ nennen, kann das nicht funktionieren, sondern sorgt nur für Verwirrung und für berechtigten Spott.

Geht man jedoch einige Ebenen tiefer, eben auf Quantengrösse, sieht das schon anders aus. Hier sind verschiedene Zustände eines Teilchens zu ein und demselben Zeitpunkt normal. Leben kann sich hier nicht entwickeln, es gibt keine „Quantenkatze“, sondern nur Teilchen – wobei auch dieses Wort schon wieder irreführend ist, da wir ja bekanntlich eine Welle-Teilchen-Dualität haben. Diese „Wellen- Teilchen“, von den Elektronen bis zur untersten Ebene von allem, den Quarks, sind die kleinsten Bausteine des Universums und können trotz ihrer „Unschärfe“ mathematisch erfasst und physikalisch beeinflusst werden. Darüber hinaus ist diese Unschärfe nicht von Dauer, sondern derartige „Überlagerungen von verschiedenen Zuständen“ wandeln sich in Einzelzustände um, wenn sie einer hinreichenden Einwirkung von aussen ausgesetzt sind.

Wenn wir von der untersten Ebene aufwärts gehen, schliessen sich die Quarks zu den subatomaren Teilchen zusammen, diese wiederum zu Atomen, die Atome zu Molekülen und erst aus den Molekülen wird das, was wir Materie nennen: Holz, Stein, Metall, Wasser, Proteine, Aminosäuren, Sauerstoff, Stickstoff usw.
Wir nennen nur diese Materie die „wirkliche Welt“, aber die anderen Dimensionen, die unsere begrenzten Sinne nicht erfassen können, sind ebenso real. Nachdem sie endlos von der Esoterik oder gar von der Religion missbraucht wurden, können wir sie mittlerweile auseinandersortieren. Um erneut eine Metapher zu gebrauchen: unsere „Wirklichkeit“ ist die Oberfläche eines Ozeans und die Quantenebene ist der Meeresboden. Auf dem Meeresboden und zwischen diesem und der Wasseroberfläche tummelt sich eine erstaunliche Vielfalt an Lebensformen, unterseeischen Vulkanen, schwarzen Rauchern usw. usf., die alle existieren, ohne dass die Seefahrer ganz oben auch nur das Geringste davon ahnen. Es spielt keine Rolle, ob Menschen davon wissen, ob sie es glauben oder theoretisieren, denn wenn etwas existiert, dann existiert es auch ohne die menschliche Wahrnehmung.

Gleichzeitig haben die Dinge unter dem Meer einen spürbaren Einfluss auf die Oberfläche und auf die angrenzenden Kontinente. Das fällt den Menschen früher oder später auf und sie werden neugierig. Mit fortschreitender Technik können sie mehr tun als nur fischen oder Strandgut einsammeln und schliesslich müssen sie ihre Schulbücher umschreiben, weil das neue Wissen trotz aller Scheiterhaufen und Folterkeller nicht mehr ignoriert werden kann.

Genau so ist es auch mit den Dingen auf der Quantenebene. Wir können sie nicht sehen, nicht hören, fühlen, riechen oder schmecken, aber sie haben Auswirkungen auf das, was wir sehen können und dieseAuswirkungen lassen sich berechnen. Ein alltägliches Beispiel ist die Verwendung von Digitaltechnik. Oft genug müssen wir bei Datenleitungen den Stecker herausziehen und wieder einstecken oder einen Computer neu starten, weil der Elektronenfluss kleine Unregelmässigkeiten aufweist, die durch Quanteneffekte entstehen und sich in unseren Geräten als Störungen manifestieren und genau wie wir U-Boote gebaut haben, die bis in die Tiefe des Marianengrabens abtauchen können, besitzen wir inzwischen ein Instrumentarium, mit dem wir auf die Quantenebene vordringen, um solche Effekte zu messen und zu verstehen.
Diese Quantenebene scheint übrigens identisch zu sein mit den „zusätzlichen Raumdimensionen“, die eine weitere Forschungsrichtung postulierte und auf die es inzwischen experimentelle Hinweise gibt, die mittels Nanotechnik gewonnen wurden, also ebenfalls mit der Erforschung des Allerkleinsten.

Und wie sieht das Universum nun „wirklich“ aus? Wenn es nicht unendlich ist, was die Physik ja ebenfalls behauptet, was ist dann ausserhalb davon?
Nichts.
Wie bitte?
Sie haben richtig gelesen. Das Universum ist alles, enthält alles und es gibt kein „Ausserhalb“, keinen Ort, keinen Raum, keine Zeit. Das ist für uns Menschen schwer fassbar, weil unsere Wahrnehmung nicht für alle Dimensionen ausreicht, es ändert aber nichts an der Realität.
Eine gute Metapher dafür ist die Erde, wie Stephen Hawking so treffend sagt: sie hat keine Grenze, obwohl sie endlich ist. Dank ihrer Kugelgestalt gibt es keinen „Rand“, von dem man herunterfallen könnte.
Ebenso ist das ganze Universum endlich, man hat seine Grösse sogar berechnet, aber es gibt keinen Punkt, auf den man zeigen kann und sagen, dass es „hier“ zu Ende wäre. Oder nehmen wir das Möbiusband. Es hat weder „Anfang“ noch „Ende“, was aber eine darauf kriechende Ameise nicht daran hindert, den Punkt, auf dem sie sich befindet, als Oberfläche zu benutzen. Grafisch dargestellt hat dies M. C. Escher und wenn Sie wollen, basteln Sie sich selbst eines und probieren Sie es aus.

Soll das heissen, wir bewegen uns im Inneren einer riesigen Hohlkugel oder wie? Um genau zu sein, ist die Form des Universums die eines Poincaré-Dodekaeders, der sich als „mathematisch exakter Fussball“ beschreiben lässt und einen Durchmesser von 27,6 Milliarden Lichtjahren besitzt. Das konnte Stephen Hawking in seiner „Kurzen Geschichte der Zeit“ noch nicht schreiben, auch nicht in der erweiterten Neuauflage, weil wir es erst im Jahr 2004 herausgefunden haben.

Aber was ist dann mit dem Ursprung des Universums? Urknall schön und gut, aber wer hat ihn gezündet?
Es gibt kein „Wer“. Die Quanteneffekte haben ihn hervorgerufen.
Ah-ha, schreit man mir triumphierend entgegen, und woher kommen die Quanten?
Euer Triumph ist eure Niederlage. Es gibt kein „Woher“. „Vor“ dem Urknall existierten kein Raum und keine Zeit, wo die Quanten oder irgend etwas Anderes hätten sein können. Vergessen Sie die menschliche Wahrnehmung und das menschliche Zeitgefühl. Sogar der katholische Heilige Augustinus,
den man beim besten Willen keinen Wissenschaftler nennen kann, hat das schon vor 1600 Jahren begriffen und sagt ausdrücklich, dass es vor dem Anfang des Universums keine Zeit gegeben hat.

Deswegen lügt man sich selbst an, wenn man sagt „Gott ist schon immer gewesen“ oder „Das Universum ist schon immer gewesen“. Der menschliche Hang zum Geschichtenerzählen mit Anfang und Ende führt uns in die Irre. Wir sagen, dass der Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren stattfand und wir haben die Geschichte unseres Universums bis auf eine Zehntausendstelsekunde nach diesem Moment rekonstruiert und wenn es gelingt, diese letzte Zeitspanne zu überwinden, kommen wir an einen Punkt, an dem es kein „Vorher“ gibt.

Was gibt es dann überhaupt? Was ist real?
Verschiedene Quantenzustände, weiter nichts.
Und was heisst das nun?
Dass wir lernen müssen, mit Unklarheiten und Grauzonen zu leben, dass es keine „letzte Wahrheit“ gibt, sondern nur verschiedene gleichermassen „richtige“ oder „wahre“ Dinge, je nachdem, von welchem Quantenzustand der Beurteiler ausgeht.

Es ist nicht nur mir sehr schwer gefallen, mich mit solchen Gedanken anzufreunden. Unsere Sinne stehen uns dabei im Weg, liefern uns Botschaften, die wir „Wirklichkeit“ nennen und wir wehren uns dagegen, etwas anderes auch nur in Betracht zu ziehen. Wenn es Sie tröstet: Ein so kluger Mann wie Goethe hatte seine Schwierigkeiten damit, dass das Universum so ist, wie es ist und wollte lieber im Irrtum verharren.
Gleichzeitig aber verfügen wir über die Möglichkeit des abstrakten Denkens und die hat sich letzten Endes durchgesetzt. Wir können Dinge glauben, die wir nicht sehen, die sogar dem, was wir sehen, ausdrücklich widersprechen. Die selben Gehirnfunktionen, die das Märchen zum erfolgreichen Geschäftsmodell gemacht haben, dienen uns auch dazu, die Wirklichkeit zu verstehen. Hawking sagt „Eine Theorie existiert nur in unserer Vorstellung und besitzt keine andere Wirklichkeit“.
Das gilt auch für Märchen und Metaphern. Wir wussten durch Jahrhunderte hindurch, dass es keine sprechenden Tiere gibt, dass in der wirklichen Welt die Guten nicht immer gewinnen, ja wir konnten uns sogar schon vor langer Zeit zu der Aussage vorwagen, dass „Gut“ und „Böse“ „keine Konstanten sind, sondern nur Funktionswerte“ (Robert Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften“, Erstes Buch, 1930), aber wir wollten an die Fiktionen glauben. Es war wiederum Terry Pratchett, der mich mit der Nase auf die Begründung stiess: „Die Menschen müssen an etwas glauben, sonst hat doch alles keinen Sinn“ („Schweinsgalopp“). Weil es von Natur aus keinen Sinn gibt, unser Gehirn aber einen braucht, erfinden wir einen.

Das ist die einzige Freiheit, die wir haben: uns in einem grossen, kalten und fremdartigen Weltall für die Erklärung zu entscheiden, die uns am besten gefällt. Und es ist das, was wir tatsächlich tun, indem wir an den „letzten Wert“ glauben, an den wir glauben wollen.
Und nein, das ist nicht philosophisch, sondern so funktionieren unsere Gehirne tatsächlich. Wir können das heute beweisen, indem wir das Gehirn eines beliebigen Menschen mit einem Neuroscanner durchleuchten und sein Glaubenszentrum beobachten (es sitzt vorne links). Wir können das menschliche Gehirn sogar schon manipulieren, eine Tumoroperation etwa machte 2010 einen brutalen Gewalttäter zum Weichei, ohne dass man dies beabsichtigt hätte (faz.net) und schwache Stromstösse auf bestimmte Hirnareale erzeugen Illusionen verschiedenster Art. Wenn es also noch Beweise gebraucht hätte, dass alles „Höhere“, von dem Menschen reden, alle Religionen etwa, nur Einbildung sind, dann wären sie damit erbracht. Es gibt nur uns.

„Wie kannst du so leben?“, schreit man mich an.
Ich lache und frage zurück „Wie sollte ich denn anders leben?“
„Aber das ist doch schrecklich, so ohne Sinn und ohne Ziel, ohne den Trost, den nur etwas Höheres spendet.“
„Im Gegenteil“, sage ich, „das ist das einzig Wahre und Beglückende. Frei von aller Illusion, frei von allen Lügen der Priester und Prediger, auch frei von den Lügen der Politiker und ihrer Ideologien.“
Solche Debatten werden schon seit vielen Jahrtausenden geführt, denn die Menschen sind nun einmal verschiedener Natur und weil viele Leute ein Nebeneinander verschiedener Ansichten nicht ertragen können, werden immer wieder Massaker an Andersdenkenden veranstaltet. Die einzig praktikable Form, das zu vermeiden, sind Gedankenfreiheit und Demokratie, was auch die Freiheit bedeutet, seine Meinung zu ändern und in der dann jedes Individuum sehen kann, wie weit es mit seinen Ansichten kommt.

Im Bewusstsein dieser Dinge entscheide ich mich für das Wissen. Ich habe alle Philosophien der Welt geprüft, alle Religionen und alle Ideologien, habe mein Weltbild immer wieder verworfen und neu aufgebaut, wenn die Theorie von der Praxis zerschmettert wurde und nun bleiben nur noch Wissenschaft und Technik übrig. Der Vollständigkeit halber: Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass dieses Weltbild falsch sein und jederzeit zusammenbrechen kann. 

In früheren Jahrhunderten und in den Medien bis heute wird eine Erkenntnis des ganzen Universums auch als „Weltformel“ bezeichnet, aber dieser Name beruht auf einem Mißverständnis. Erinnern Sie sich an den Mathematikunterricht in der Schule: wenn Sie versucht hätten, ein Rechteck oder einen Kreis mit der selben Formel zu berechnen wie ein Dreieck, wäre nur Chaos dabei herausgekommen. Eine einzige Formel kann nicht alles erfassen, eine Theorie kann ganz umgekehrt ohne Formeln auskommen und trotzdem richtig sein, sie kann auch mehrere Formeln enthalten, die alle richtig sind, weil jede von ihnen einen Teil der Theorie abdeckt. Dieses Letztere scheint mir auch auf die Physik zuzutreffen, denn Newtons Gleichungen wurden ja nicht plötzlich falsch, als Einstein erschien und Einsteins Relativitätstheorie behielt ihren Wert trotz der Quantenphysik. Die „Theorie für Alles“ wird also mehrere Formeln haben, die alle zusammen das Universum vollständig beschreiben.

Wann wir diese Theorie endlich haben? Das weiss kein Mensch. Es könnte morgen früh so weit sein, es
kann aber auch noch tausend Jahre dauern. Ich persönlich glaube, dass wir es im Lauf des 21. Jahrhunderts hinkriegen werden, ob vor oder nach dem Weltraumlift, dass muss ich offen lassen.

Wozu eine solche Theorie gut ist? Nun, zum einen können wir damit alle noch offenen Fragen beantworten und das ist keine Kleinigkeit. Über dieses Ziel hinaus wird sie zu technischen Entwicklungen führen, die dem einzelnen Menschen unendliche Macht verleihen und spätestens damit lässt sich jeder ködern, dem das Erringen von neuem Wissen nicht genügt.

Damit ist nun das angeblich so unverständliche Thema Quantenphysik abgehakt und ja, ich weiss, dass es Leute gibt, die mich für diese Ansicht in der Luft zerreissen werden. Damit kann ich leben.

Warum wir immer wieder umlernen müssen


Warum wir immer wieder umlernen müssen


Zunächst einige Beispiele aus der modernen Welt:

- „Wandlung“, ein Begriff, den ich 1989 im BWL-Unterricht in der Berufsfachschule kennen lernte und fast sofort wieder vergass. Im Gedächtnis blieb nur das Kunstwort „WaMiNeuScha“ als Kürzel für „Wandlung, Minderung, Neulieferung, Schadenersatz“, was wiederum etwas mit dem BGB oder HGB zu tun hatte, aber was genau, das war auch vergessen.
Jahre später hörte ich zufällig, „Wandlung“ gäbe es nicht mehr, da das betreffende Gesetz neu gefasst worden sei, zu welchem Zweck oder wen betreffend, blieb mir dunkel. Für Leute, die von Berufs wegen mit Vertrags- oder Handelsrecht zu tun haben, vom Handyverkäufer bis zum Universitätsprofessor, ist das jedoch elementar wichtig und sie mussten ihr Wissen auf den aktuellen Stand bringen.

- „Daten“ wurden 1989/90, als wir dieses Wort in der Schule näher betrachteten, nach einer DIN-Regelung definiert, die 1993 aufgehoben wurde, als sich Deutschland der internationalen Norm anschloss. Das Wissen also, das meine Mitschüler und ich damals über diesen Punkt erwarben, ist seither wertlos und wir können von Glück sagen, dass die Wikipedia uns den Unterschied erklärt.

- Gesetze aus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik sind heute nicht nur witzig zu lesen, sondern schlicht wertlos und müssen durch andere ersetzt werden, die der modernen Welt angepasst sind – ein langwieriger Prozess, denn was wusste man im Jahr 1890 vom Datenschutz? Vor allem Politiker und Beamte, die auf dem geistigen Niveau von damals stehen geblieben sind, agieren vollkommen hilflos.
In den USA hat man die Sache etwas klüger angefangen und die meisten Gesetze von vornherein mit einem Verfallsdatum versehen, d.h., wenn sie nicht immer wieder ausdrücklich von der Legislative bestätigt werden, treten sie automatisch ausser Kraft. Auch mit diesem Gedanken können sich Europäer nur schwer vertraut machen.

- Technik der Jahre 1980, 1990 oder 2000, an der wir einmal ausgebildet wurden, ist heute nur noch ein Museumsstück. 1990 etwa redeten wir in der Schule über Computer mit Festplattenkapazitäten im Megabyte-Bereich und da erzählte einer meiner Mitschüler, ein Freund von ihm habe zu Hause eine Festplatte mit einem Gigabyte. Wir glotzten ihn an und fragten, was man denn damit anfangen sollte, weil es sich dabei um eine Dimension handelte, die für uns am Rande des Vorstellbaren lag. Nur sieben Jahre später, als Mobiltelefone sich allmählich ausbreiteten, bemerkte die Zeitschrift Konr@d ironisch, „manche Leute fühlen sich einfach nicht wohl, wenn sie nicht mindestens ein Gigabyte Speicher am Leib tragen“, 2002 wurden Telefone mit vier Gigabyte verkauft, die auch noch alle möglichen und unmöglichen Zusatzfunktionen bekamen, stationäre Computer sprengten alle Vorstellungen und es ist kein Ende absehbar. Jedesmal, wenn jemand behauptet „Mehr geht nicht“, kann man darauf wetten, dass er ein Jahr später als Lügner dasteht.

- Das lässt sich noch generalisieren mit der Aussage, dass ausser Lesen, Schreiben und den Grundrechenarten alles Schulwissen der 1980er wertlos geworden ist, weil sich die Welt seither extrem verändert hat. 

- In dem Buch „Deutsches Haus“ aus dem Jahr 2006 schreibt der Autor „Rentner bekommen keine Kredite“ und diesen Sachverhalt hat man über Jahrzehnte als böse verschrien.
Das ist Geschichte, denn es gibt inzwischen ein Grundsatzurteil, nach dem es diskriminierend ist, Alten wegen ihres Alters einen Kredit zu verweigern, mit dem Effekt, dass sich nun auch Rentner hemmungslos verschulden, was wiederum Geldeintreibern, Schuldnerberatern und Insolvenzrichtern eine neue Art von Kunden bescherte, an die sie sich erst gewöhnen mussten.

- Ein oft sehr schmerzhaftes Lernerlebnis haben Leute, die glauben, sich durch eine Privatinsolvenz von Schulden befreien zu können, denn dieser Vorgang bringt von Gesetzes wegen eine Gehaltspfändung mit sich, so dass den Leuten danach weniger zum Leben bleibt als vorher, gar nicht davon zu reden, dass die Privatinsolvenz erst einmal vom Gericht genehmigt sein muss, aber in 80 % der Fälle abgelehnt wird und dass man durch diesen Vorgang seine Kreditwürdigkeit fürs ganze Leben verliert.
Das schreiben die Zeitungen natürlich nicht, sondern verkaufen die Insolvenz als einfachen Fluchtweg, was den Lerneffekt für Leute, die Zeitungen und Fernsehsendern vertrauen, um so schockierender macht.

- Immer noch klammern sich Menschen an die Illusion, etwas geheimhalten zu können. Spätestens die Offshore-Leaks haben bewiesen, dass selbst Multimillionäre nicht dazu imstande sind, von normalen Menschen gar nicht zu reden. Also noch einmal:
Wir leben in einer Welt ohne Privatsphäre und totaler Vernetzung! Was eine deutsche Behörde weiss, das weiss auch die NSA und das weiss Peking, Hanoi, wer auch immer. Leute, die das nicht lernen wollen, stehen dann eben verständnislos vor den Auswirkungen, was an der Sache selbst nichts ändert.

- Noch Schlimmeres machten junge Crackdealer in den 1990ern durch. Sie hatten an Fernsehmärchen geglaubt, die suggerierten, mit Drogenhandel könne man reich werden und bekamen in Wirklichkeit so wenig Geld heraus, dass ihr Ertrag pro Stunde noch unter dem gesetzlichen Mindestlohn lag, wobei die meisten von ihnen sich auch noch gegenseitig erschossen, weil sie glaubten, dadurch mehr Geld verdienen zu können und die Überlebenden im Gefängnis landeten. Das war der härteste und gnadenloseste Lernprozess der Erde, denn wer sich keinen anderen Job suchte, hatte noch Glück, wenn er „nur“ zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

- Journalisten in einer Welt, in der niemand mehr für Journalismus bezahlt, was dazu führt, dass eine Zeitung nach der anderen stirbt, können sich an andere Jobs gewöhnen oder in Hartz IV gehen.
Generalisiert: Leute, die sich nicht an Veränderungen anpassen wollen, manövrieren sich damit in die Armut und als Unternehmer begehen sie ausserdem Insolvenzverschleppung, schädigen also nicht nur sich selbst, sondern auch andere.


In Reaktion auf diese und ähnliche Situationen hört man häufig die Klage „Es wird immer schlimmer“ oder auch „Man muss sich immer mehr anstrengen“, was aber ein reiner Selbstbetrug ist. Sehen wir uns Jobs aus der Vergangenheit an:
- Wenn acht Stunden Goldgraben am Tag nicht genug Geld einbringen, musst du zehn Stunden am Tag graben. Wenn die Mine erschöpft ist, kannst du dir entweder eine neue suchen, eine andere Arbeit aufnehmen oder verhungern.
- Wenn in einer Kultur vor der Erfindung des Geldes acht Stunden Schneiden von Pfeilspitzen am Tag nicht genug Essen einbringt, musst du zehn Stunden am Tag Pfeilspitzen schneiden und wenn sich die Welt so verändert, dass anstatt Pfeilspitzen Ackerwerkzeuge gefragt sind, kannst du umlernen oder verhungern.
- Wenn acht Stunden Holzfällen oder Holzverarbeiten am Tag nicht genug Geld einbringen...

Das Muster ist wohl deutlich genug und es gilt ebenso für Feldarbeit, Nähen, Jagen, Gartenarbeit, für Seilschläger, Schauerleute, Schmiede, Installateure, Fabrikarbeiter, Taxifahrer, Blogger, Powerseller bei Ebay etc.
Im Vergleich zu früher kommen wir dabei noch gut weg, denn vor tausend wie vor zehntausend Jahren gab es noch nicht einmal Hartz IV, sondern die Leute gingen sang- und klanglos unter.



Sonntag, 13. April 2014

Selbstmarketing und Erfolg, eine Ideensammlung


Selbstmarketing und Erfolg, eine Ideensammlung

Vorbemerkung: Ich weiss sehr wohl, dass über dieses Thema schon Hunderttausende von Büchern, Artikeln, Vorträgen und Videos existieren, jedoch scheint der Bedarf unersättlich, da die immer gleichen Fragen immer wieder gestellt werden.
Dazu kommt noch, dass viele Leute die Antworten verkaufen und das erscheint mittlerweile lächerlich, da die selben Informationen gratis zu haben sind, ist aber erfolgreich. Dem trete ich entgegen, indem ich diesen Text verschenke. Er steht unter Creative Commons License cc0 (c c zero) – get ready for a free mindfuck!


Allgemeine Beobachtungen
Maximale Offenheit ist hilfreich. Lügen erfordern den Aufbau von komplexen Subsystemen und zehren viele Ressourcen auf, Offenheit dagegen macht die Dinge einfacher, denn die übrige Welt ist schon kompliziert genug. Bist du der Meinung, Offenheit könne schädlich sein, so schweige, aber lüge nicht. Dabei kannst du auch sagen, dass du über bestimmte Dinge nicht reden willst, jeder zivilisierte Mensch wird das akzeptieren.
Solcherart sparst du von Anbeginn Zeit und Kraft. Lass andere Leute sich mit Manipulations- „Techniken“ und „Tricks“ herumschlagen, sie können dadurch nie soviel gewinnen, wie du durch Offenheit sparst.

Erfolgreiches Arbeiten ist unspektakulär, glanzlos und nicht telegen. Es erfordert Ausdauer, Intelligenz, Lernfähigkeit, Anstrengung bis zum Zusammenbruch und darüber hinaus. Nur wenn du die eigenen Grenzen sprengst – und zwar dann, wenn niemand zuschaut und niemand Beifall klatscht – wirst du etwas erreichen.


Einzelheiten
1. Der erste Schritt ist das Denken. Du bist daran gewöhnt, das ganze Universum als Bühne deiner Aktivitäten anzusehen, Castrop-Rauxel wie das australische Outback, die Jupitermonde wie den Pferdekopfnebel.
„Einem weisen Mann steht die ganze Welt offen. Denn das Vaterland einer trefflichen Seele ist das Universum“, so Demokrit von Abdera im 5. Jahrhundert v.Chr. Jener Demokrit wie auch Aristarch von Samos oder Sokrates hatten dieses Denken und nach ihnen noch viele andere Grosse, während sich die Versager selbst Grenzen setzen.
Du lernst von den Grossen, machst deine Pläne universal. Du bleibst flexibel, belastest dich nicht mit unnötigen Dingen, hast immer die Möglichkeit des Umziehens und Auswanderns im Hinterkopf. Auf diese Weise bist du vielen überlegen, die dir ansonsten gleich sind – eine klassische „Unique Selling Proposition“.

2. Aufgrund der menschlichen Natur muss auch jemand, der aus edlen Motiven heraus handelt, mit der unendlichen Schlechtigkeit und Dummheit der Massen rechnen, um etwas zu erreichen. Das zu begreifen, bedeutet einen weiteren Vorteil.

3. Du bleibst nie auf einer bestimmten Stufe stehen. Bist nie zufrieden, verlangst immer mehr von dir selbst, z.B. „Multimillionär werden“, was andere Leute spöttisch lächeln lässt. Sollen sie nur, denn so lange sie lachen, können sie dir nicht im Weg stehen.
Sie betrachten allgemein die Dinge nur passiv, ihr Job etwa ist für sie etwas, das sie zwar behalten müssen, aber kein Pfund, mit dem man wuchern kann. Für dich dagegen ist der Job ein wertvoller Teil des Ganzen, deshalb bemühst du dich immer um effizientes Arbeiten und bist damit erfolgreich.

4. Du investierst jeden Monat in deine Weiterbildung, nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Natürlich suchst du dir immer das Bestmögliche heraus und sogar „nur“ ein paar Internetartikel zu lesen, um auf dem neuesten Stand zu sein, ist besser als gar nichts, denn Millionen andere Menschen tun nicht einmal das und fallen deswegen zurück.

5. Erfolg ist immer nur in kleinen Schritten zu haben. Du baust sorgfältig auf dem bisher Erreichten auf und fügst immer wieder etwas hinzu. Komplexe Situationen zerlegst du in ihre Bestandteile und findest die Lösungen Stück für Stück.

6. Du hast Geduld mit dem, was du nicht beeinflussen kannst, seien es Auswirkungen der Naturgesetze wie die Schwerkraft oder sei es die Dummheit anderer Leute. Du stellst dich der Tatsache, dass diese Dinge einfach dazu gehören und du sie deswegen in deine Pläne einbeziehen musst.

7. Rückschläge. Es gibt mehr als genug davon, weil wir aufgrund der Struktur des Universums nicht alles vorhersehen können. Deine Kräfte werden dich immer im falschen Moment verlassen, Technik immer dann versagen, wenn es den grössten Schaden anrichtet, Dinge, die du für absolut zuverlässig hältst, sich immer dann in Nichts auflösen, wenn du sie dringend brauchst.
Du machst aus deinen Rückschlägen und Fehlern das Beste, indem du daraus lernst und gleichzeitig behältst du das Geschehen um dich herum im Auge – vielleicht ergibt sich eine Chance, die ein anderer, der über seine Pleiten jammert, nicht einmal bemerkt.
Es kommt auch vor, dass du dich in eine Sache verrennst und dich dermassen darin verbeisst, dass du glaubst, gar nicht mehr loslassen zu können, auch wenn du weisst, dass es der falsche Weg ist. In diesem Fall trittst du einen Schritt zurück und nimmst das Ganze in den Blick, um zu sehen, an welcher Stelle du falsch abgebogen bist und welches Verhalten du abstellen musst, um wieder in die richtige Spur zu kommen. Keine falsche Scham!
„Wer einen Fehler macht und ihn nicht korrigiert, begeht damit einen zweiten.“ – Konfuzius.

8. In einer Notlage wird kein Mittel zur Rettung gescheut. Miyamoto Musashi, der grösste aller Samurai, schreibt: „Mit einer nicht benutzten Waffe an der Hüfte zu sterben, das möchte ja wohl keiner.“ Das Erstaunliche ist jedoch, dass die Menschen sich verhalten, als wollten sie eben das und sogar in höchster Bedrängnis lassen sie ihre eigenen Potenziale ungenutzt.
Du machst diesen Fehler nicht, sondern hilfst dir mit allem, was du hast und überstehst dadurch Situationen, in denen andere scheitern.

9. Kommunikation. Sehr viele ansonsten talentierte Menschen sind nicht fähig, sich mit anderen Menschen nutzbringend auszutauschen, dabei ist effiziente Kommunikation unverzichtbar, denn wir sind aufeinander angewiesen und müssen uns miteinander verständigen. Das gilt für das gesprochene Wort genau so wie für Schrift oder Bilder, für Zeichensprachen, Mimik und Gestik.
Erfolgreiche Kommunikation besteht aus zwei Teilen: a) du machst dich anderen klar verständlich und b) du verstehst die anderen und reagierst angemessen darauf.
Hier kommt auch wieder die Geduld ins Spiel, denn vieles, was Menschen von sich geben, ist nicht Kommunikation, sondern Blödsinn. Du hast gelernt, aus diesem Blödsinn Informationen herauszufiltern und sie zu benutzen oder das Gespräch zu beenden, wenn nichts dabei herauskommt.

10. Prioritäten setzen. Du weisst, dass du nicht alles tun kannst, also hast du dich bewusst dafür entschieden, bestimmte Dinge nicht zu tun. Das klingt leichter, als es ist, denn keine Boulevardzeitung oder keinen Plasmafernseher zu kaufen und generell nicht jede Modenarrheit mitzumachen, widerspricht dem menschlichen Herdentrieb, so dass man sich bisweilen anstrengen muss, um der jeweiligen Dummheit zu entgehen.
Danach hast du einen realistischen Zeit- und Finanzierungsplan aufgestellt, um deine Ziele Schritt für Schritt zu erreichen und diesen Plan immer wieder der laufenden Entwicklung angepasst. Erreichtes wird abgehakt, alles Andere je nach der Situation neu gewichtet.
Dazu gehört auch, dass du Dinge, die durch die Entwicklung überflüssig geworden sind, schnell über Bord werfen kannst. Ausserdem denkst du immer langfristig und kalkulierst mindestens fünf Jahre im Voraus.

11. Bescheidenheit. Du protzt nicht mit deinen Erfolgen herum, sondern stapelst eher tief. Du wirfst nicht mit Geld um dich, sondern sorgst dafür, dass das, was du dir hart erarbeitet hast, auch erhalten bleibt. Du fällst nicht auf kurzlebige Hypes herein, sondern hältst deine paar Kröten zusammen und gönnst dir – wenn überhaupt – nur kleine, bescheidene Genüsse, die nicht auffallen.

12. Realitätssinn. Du lässt dir den Kopf nicht mit politischen Parolen und ähnlichem Unsinn vernebeln, sondern siehst die Dinge, wie sie wirklich sind. Das bewahrt dich vor schwer wiegenden Irrtümern, die andere Menschen um Jahre zurückwerfen.

13. Du gewinnst Stärke aus dir selbst heraus. Andere Leute vertrauen Äusserlichkeiten wie Amuletten, Talismanen, Statussymbolen, gutem Aussehen etc. und zwar so sehr, dass sie zusammenbrechen, wenn sie diese Dinge verlieren.
Du bist klug genug, dich nicht auf so etwas zu verlassen. Deine Kraft kommt aus dir selbst, aus deiner eigenen Entschlossenheit, das Ziel zu erreichen.

14. Sobald eine Organisation eine bestimmte Komplexitätsstufe überschreitet, wird sie unkontrollierbar, weil ihre Mitglieder sich auf eine nicht vorhersehbare Weise verhalten. Für eine zutreffende Vorhersage wären mehr Variablen zu berücksichtigen, als irgend ein Gehirn verarbeiten kann und jeder Versuch, die Organisation doch noch im alten Stil zu kontrollieren, wird das Chaos vergrössern.
In diesem Zustand sind die Vorgesetzten dankbar für jeden, der ihnen hilft, wenigstens einen kleinen Teil dessen zu verstehen, was um sie herum passiert. Die Herausforderung besteht darin, Komplexität zu akzeptieren und zu verstehen, um anschliessend einfache Beschreibungen zu finden, die anderen Leuten das Verständnis zu erleichtern. Nutze eine solche Situation aus, indem du zum Experten für ein Fachgebiet wirst, dann wird man dich lieben.
Bist du selbst Vorgesetzter, so hast du in so einer Lage nur zwei Möglichkeiten: entweder du lernst, mit dem Chaos zu leben oder du teilst die Organisation in zwei kleinere Einheiten auf, die dann jede für sich wieder kontrollierbar sind und übergibst die Führung der zweiten an eine andere Person. In jedem Fall musst du einen Teil deiner Macht aufgeben. Tröste dich damit, dass die Macht im Zustand der Unkontrollierbarkeit ohnehin verloren war.
Ein Beispiel aus der Geschichte: Gandhi hat gesagt „Was durch Gewalt gewonnen wurde, kann man nur durch Gewalt behalten“ und das gilt auch, wenn man „Gewalt“ durch „Kontrolle“ ersetzt, denn wenn du einmal anfängst, etwas zu kontrollieren, dann musst du nach und nach immer mehr Dinge kontrollieren, bis du zusammenbrichst; während andere Menschen, die wenig oder gar keine Kontrolle ausüben, in der gleichen Zeit sehr viel entspannter leben.

15. Denke niemals zu zentralistisch. Wenn du allein der Mittelpunkt von allem bist, wenn sich alles um dich dreht, dann muss es unweigerlich zusammenbrechen, sobald du auch nur für kurze Zeit indisponiert bist und dann hast du alles verloren, wofür du gearbeitet hast.
Lass den Leuten lieber etwas Luft, selbst Entscheidungen zu treffen, dann kannst auch du dir Schwächen und Fehler erlauben. – So einfach das klingt, es ist die grösste Herausforderung, denn Macht ist eine Droge. Hüte dich vor ihr!

16. Wenn du dich für etwas entscheidest, dann lass es deine Entscheidung sein, nicht die eines anderen, der sich nur in deinem Kopf festgesetzt hat.
Es geht um ein Ziel? Frage dich, ob es dein Ziel ist oder das eines Anderen. Was nützt dir? Wenn du z.B. dein Ziel erreichen kannst, indem du gleichzeitig die Ziele der Firma erreichst, dann los. Gibt es aber eine Abweichung, dann musst du – und nur du allein – eine Entscheidung treffen, die dir niemand abnehmen kann und diese Entscheidung ist eine Leistung für sich, vor der viele andere Menschen zurückschrecken, aber du triffst sie.
Ausserdem ist es manchmal möglich, Dinge zu vereinen, die zunächst unvereinbar scheinen. Etwa so: die Firma verlangt „a“, ich wünsche mir „b“. Gibt es ein „c“, eine Verbindung von beidem, was man nach dem Philosophen Hegel auch als „These – Antithese – Synthese“ bezeichnet? Manchmal wirst du staunen, wie weit du damit kommst.
Klappt das nicht, dann musst du zwischen verschiedenen Dingen eine Entscheidung treffen, auf alles andere verzichten und die Folgen tragen, denn das ist der einzige Weg, wenigstens noch einen Teil der Ziele zu erreichen.

17. Glück. Viele Leute wollen definieren, was dich glücklich und zufrieden macht und sie alle sind Lügner. Diese Wahl kannst nur du selbst treffen.

Sonntag, 30. März 2014

Es gibt keine Science Fiction mehr


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Aufstieg und Fall der Science Fiction – ein Spaziergang durch das Erbe der Jahrhunderte

Die alte Erkenntnis, dass nichts von nichts kommt, gilt auch für die SF. Märchen und Fabeln hat es zu allen Zeiten der menschlichen Kultur gegeben und die Forschung streitet bis heute über Ursprünge und Klassifizierung. Auf diese Debatte lasse ich mich bewusst nicht ein, sonst sässen wir in tausend Jahren noch hier, sondern es sei nur grob umrissen, wie wir in diesem Text „Science Fiction“ von anderen Arten von Geschichten unterscheiden. Eine solche Unterscheidung ist notwendig, sonst wäre jedes weitere Wort verschwendet.

Zunächst liegt es in der menschlichen Natur, eine Zukunft, die kurz bevor steht, ungefähr die nächsten fünf bis zehn Jahre, nicht mehr als „Zukunft“ zu betrachten, sondern nur als eine leicht veränderte Gegenwart. SF erfordert also eine Epoche, die mindestens einige Jahrzehnte voraus liegt, plus Wissenschaft plus Technik. Sie muss zeigen, wie in dieser Zukunft durch Fortschritte in Wissenschaft und Technik die Dinge anders werden, wie Probleme anders gelöst werden, wie sich die Lebensweise verändert usw., sei dies nun zum Guten oder zum Schlechten.
Daraus ergibt sich auch die Negativabgrenzung, was SF nicht ist: Es darf keine Magie zum Einsatz kommen, es darf nicht nur die Gegenwart mit einigen Gadgets aufgepeppt werden, sondern man muss sich der Tatsache stellen, dass eine neue Technik auch die restliche Welt verändert. Demnach ist also Jules Verne keine SF, ausgenommen sein Spätwerk „Paris im 20. Jahrhundert“ und „Star Wars“ ist auch keine.
Der Cyberpunk dagegen ist SF, weil er radikal mit der Welt der Gegenwart bricht und davon ausgeht, dass um das Jahr 2050 die USA nicht mehr existieren, „Menschen“ im heutigen Sinne bestenfalls die Ausnahme sein werden usw.; Ähnliches gilt für Frank Herberts „Dune“-Universum.

Um nun zu illustrieren, wie sich die SF aus älteren Formen des Geschichtenerzählens entwickelte, besuchen wir eine fiktionale Gegend, die aber keine „wissenschaftliche Fiktion“ ist. Der Text kursiert seit Jahrhunderten in verschiedenen Fassungen:

Das Schlaraffenland

Hört zu, ich will euch von einem guten Lande sagen, dahin würde mancher auswandern, wüsste er, wo es liegt und hätte eine gute Schiffgelegenheit. Diese schöne Gegend heisst Schlaraffenland.
Da sind die Häuser gedeckt mit Eierfladen, und Türen und Wände sind von Lebkuchen und die Balken von Schweinebraten. Was man bei uns für einen Dukaten kauft, kostet dort nur einen Pfennig. Um jedes Haus steht ein Zaun, der ist von Bratwürsten geflochten und von bayerischen Würsteln.
Alle Brunnen sind voll süßer Weine, die rinnen einem nur so ins Maul. Wer also gerne solche Weine trinkt, der eile sich, dass er in das Schlaraffenland hineinkomme. Auf den Birken und Weiden, da wachsen die Semmeln und Brötchen frischbacken und unter den Bäumen fliessen Milchbäche; in diese fallen Semmeln und Brötchen hinein und weichen sich selbst ein für die, so sie gern einbrocken. Das ist etwas für Weiber und Kinder, für Knechte und Mägde! Holla Gretel, holla Stoffel! Wollt ihr nicht auswandern? Macht euch herbei zum Semmelbach und vergesst nicht, einen grossen Milchlöffel mitzubringen.
Die Fische schwimmen in dem Schlaraffenlande obendrauf auf dem Wasser, sind auch schon gebacken oder gesotten und schwimmen nahe am Gestade. Wenn aber einer gar zu faul ist und ein echter Schlaraff, der darf nur rufen: Bst – bst!, so kommen die Fische heraus aufs Land spaziert und hüpfen dem guten Schlaraffen in die Hand, daß er sich nicht zu bücken braucht.
Das könnt ihr glauben, dass die Vögel dort gebraten in der Luft herumfliegen, Gänse und Truthähne, Tauben und Kapaunen, Lerchen und Krammetsvögel, und wem es zu viel Mühe macht, die Hand danach auszustrecken, dem fliegen sie schnurstracks ins Maul hinein. Die Spanferkel geraten dort alle Jahr überaus trefflich; sie laufen gebraten umher und jedes trägt ein Messer im Rücken, damit, wer da will, sich ein frisches saftiges Stück abschneiden kann.
Die Käse wachsen in dem Schlaraffenlande wie die Steine, groß und klein; die Steine selbst sind lauter Taubenkröpfe mit Gefülltem oder auch kleine Fleischpastetchen. Im Winter, wenn es regnet, so regnet es lauter Honig in süßen Tropfen. Da kann einer lecken und schlecken, daß es eine Lust ist. Und wenn es schneit, so schneit es klaren Zucker und wenn es hagelt, so hagelt es Würfelzucker untermischt mit Feigen, Rosinen und Mandeln.
Im Schlaraffenland legen die Rosse keine Roßäpfel, sondern Eier, grosse Körbe voll und ganze Haufen, so daß man tausend um einen Pfennig kauft. Und das Geld kann man von den Bäumen schütteln wie Kastanien. Jeder mag sich das Beste herunterschütteln und das minder Werte liegen lassen.

In dem Lande gibt es auch grosse Wälder, da wachsen im Buschwerk und auf den Bäumen die schönsten Kleider, Röcke, Mäntel, Hauben, Hosen und Wämser von allen Farben, schwarz, grün, gelb, blau oder rot. Wer ein neues Gewand braucht, der geht in den Wald, und wirft es mit einem Stein herunter oder schießt mit dem Bolzen hinauf. In der Heide wachsen schöne Damenkleider von Samt, Atlas, Taft und Seide. Das Gras besteht aus Bändern von allen Farben. Die Wacholderstöcke tragen Broschen und goldene Krawattennadeln, und ihre Beeren sind nicht schwarz, sondern echte Perlen. An den Tannen hängen Damenuhren, und auf den Stauden wachsen Stiefel und Schuhe, auch Herren- und Damenhüte und allerlei Kopfputz, mit Paradiesvögeln, Kolibris, Brillantkäfern, Perlen und Goldborten verziert.
Wer eine Frau hat, die ihm nicht mehr jung genug und hübsch, der kann sie dort gegen eine junge und schöne vertauschen und bekommt noch ein Draufgeld dafür. Die alten und garstigen – denn ein Sprichwort sagt, wenn man alt wird, wird man garstig – kommen in ein Jungbad, damit das Land begnadet ist. Das ist von großen Kräften; darin baden die alten Weiber drei Tage oder höchstens vier, da werden schmucke Dirnlein daraus von siebzehn oder achtzehn Jahren.

Auch viel und mancherlei Kurzweil gibt es in dem Schlaraffenlande. Wer hierzulande gar kein Glück hat, der hat es dort im Spiel und Luftschießen wie im Gesellenstechen. Mancher schießt hier all sein Lebtag nebenaus und weit vom Ziel, dort aber trifft er, und wenn er der allerweiteste davon wäre, doch das Beste. Auch für die Schlafsäcke und Schlafpelze, die hier von ihrer Faulheit arm werden, dass sie Bankrott machen und betteln gehen müssen, ist jenes Land vortrefflich. Jede Stunde Schlafens bringt dort einen Gulden ein und Gähnen jedesmal einen Doppeltaler. Wer im Spiel verliert, dem fällt sein Geld wieder in die Tasche. Die Trinker haben den besten Wein umsonst, und von jedem Trunk und Schluck drei Batzen Lohn, sowohl Frauen als auch Männer. Wer die Leute am besten necken und aufziehen kann, bekommt jeweils einen Gulden. Keiner darf etwas umsonst tun, und wer die größte Lüge macht, der hat allemal eine Krone dafür. Hierzulande lügt so mancher drauf und drein, und hat nichts für diese Mühe; dort aber hält man Lügen für die beste Kunst. Daher lügen sich wohl in das Land allerlei Prokura-, Dok- und andere -toren, Roßtäuscher und Handwerksleute, die ihren Kunden stets aufreden und nimmer Wort halten.

Wer dort ein gelehrter Mann sein will, muss auf einen Grobian studiert haben. Auch muss er dabei faul und gefräßig sein, das sind die drei schönsten Künste. Solche Studenten gibts auch bei uns zulande, haben aber keinen Dank davon und keine Ehren. Ich weiß einen, der könnt dort alle Tage Professor werden.
Wer gern arbeitet, Gutes tut und Böses läßt, dem ist jedermann dort abhold, und er wird des Schlaraffenlandes verwiesen. Aber wer tölpisch ist, gar nichts kann und dabei doch voll dummen Dünkels, der ist dort als ein Edelmann angesehen. Wer nichts kann als schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Dem aber, welchen das allgemeine Stimmrecht als den Faulsten und zu allem Guten Untauglichsten erkannt, der wird König über das ganze Land und hat ein großes Einkommen.

Nun wißt ihr des Schlaraffenlandes Art und Eigenschaft. Wer sich also auftun und dorthin eine Reise machen will, aber den Weg nicht weiß, der frage einen Blinden. Auch ein Stummer ist gut dazu, denn der sagt ihm gewiß keinen falschen Weg. Aber der Weg dahin ist weit für die Jungen und für die Alten, denen es im Winter zu heiss ist und zu kalt im Sommer. Noch dazu ist um das ganze Land herum eine berghohe Mauer von Reisbrei. Wer hier hinein oder heraus will, muss sich da erst quer hindurchfressen.


Nun eine lyrische Version von Hans Sachs, dem „Meistersinger“:

Das Schlaraffenland

Eine Gegend heißt Schlaraffenland,
den faulen Leuten wohlbekannt;
die liegt drei Meilen hinter Weihnachten.

Ein Mensch, der dahinein will trachten,
muß sich des großen Dings vermessen
und durch einen Berg von Hirsebrei essen;
der ist wohl dreier Meilen dick;
alsdann ist er im Augenblick
im selbigen Schlaraffenland.
Da hat er Speis und Trank zur Hand;
da sind die Häuser gedeckt mit Fladen,
mit Lebkuchen Tür und Fensterladen.

Um jedes Haus geht rings ein Zaun,
geflochten aus Bratwürsten braun;
vom besten Weine sind die Bronnen,
kommen einem selbst ins Maul geronnen.
An den Tannen hängen süße Krapfen
wie hierzulande die Tannenzapfen;
auf Weidenbäumen Semmeln stehn,
unten Bäche von Milch hergehn;
in diese fallen sie hinab,
daß jedermann zu essen hab.

Auch schwimmen Fische in den Lachen,
gesotten, gebraten, gesalzen, gebacken;
die gehen bei dem Gestad so nahe,
daß man sie mit den Händen fahe.
Auch fliegen um, das mögt ihr glauben,
gebratene Hühner, Gäns' und Tauben;
wer sie nicht fängt und ist so faul,
dem fliegen sie selbst in das Maul.

Die Schweine, fett und wohlgeraten,
laufen im Lande umher gebraten.
Jedes hat ein Messer im Rück';
damit schneid't man sich ab ein Stück
und steckt das Messer wieder hinein.
Käse liegen umher wie die Stein.
Ganz bequem haben's die Bauern;
sie wachsen auf Bäumen, an den Mauern;
sind sie zeitig, so fallen sie ab,
jeder in ein Paar Stiefel herab.

Auch ist ein Jungbrunn in dem Land;
mit dem ist es also bewandt:
wer da häßlich ist oder alt,
der badet sich jung und wohlgestalt't.
Bei den Leuten sind allein gelitten
mühelose, bequeme Sitten.
So zum Ziel schießen die Gäst',
wer am meisten fehlt, gewinnt das Best;
im Laufe gewinnt der Letzte allein;
das Schlafrocktragen ist allgemein.

Auch ist im Lande gut Geld gewinnen:
wer Tag und Nacht schläft darinnen,
dem gibt man für die Stund' einen Gulden;
wer wacker und fleißig ist, macht Schulden.
Dem, welcher da sein Geld verspielt,
man alles zwiefach gleich vergilt,
und wer seine Schuld nicht gern bezahlt,
auch wenn sie wär eines Jahres alt,
dem muß der andere doppelt geben.
Der, welcher liebt ein lustig Leben,
kriegt für den Trunk einen Batzen Lohn;
für eine große Lüge gibt man eine Kron'.

Verstand darf man nicht lassen sehn,
aller Vernunft muß man müßig gehn;
wer Sinn und Witz gebrauchen wollt,
dem wär kein Mensch im Lande hold.
Wer Zucht und Ehrbarkeit hätt lieb,
denselben man des Lands vertrieb,
und wer arbeitet mit der Hand,
dem verböt man das Schlaraffenland.

Wer unnütz ist, sich nichts läßt lehren,
der kommt im Land zu großen Ehren.
Wer wüst, wild und unsinnig ist,
grob, unverständig zu aller Frist,
aus dem macht man im Land einen Fürsten.
Wer gerne ficht mit Leberwürsten,
aus dem ein Ritter wird gemacht;
wer auf gar nichts weiter acht'
als auf Essen, Trinken und Schlafen,
aus dem macht man im Land einen Grafen
und wer der Faulste wird erkannt,
derselbige ist König im ganzen Land.

Wer also lebt wie obgenannt,
der ist gut im Schlaraffenland,
in einem andern aber nicht.
Drum ist ein Spiegel dies Gedicht,
darin du sehest dein Angesicht.

Das Gedicht moralisiert, wie auch der Prosatext die Idee verspottet, denn beide wollen dem Publikum die Unmöglichkeit einer solchen Welt aufzeigen und es zur Bescheidenheit ermahnen. In Wirklichkeit jedoch haben sie das Gegenteil erreicht, weil die Menschen sich in die Idee dieses endlosen Luxus verliebten, ähnlich wie es in Rumänien unter Ceaucescu geschah. Der Diktator brachte „Dallas“ ins Fernsehen, um seinem Volk eine abschreckende Vorstellung vom Kapitalismus zu geben, stattdessen aber wurden die Menschen gierig nach dieser dekadenten westlichen Welt, die man ihnen vorenthielt. Es scheint, dass weder der alte Sachs noch Ceaucescu Psychologen gewesen sind, denn Menschen mögen es nicht, einen Mangel zu empfinden und suchen ihm abzuhelfen, ohne Rücksicht auf Gesetz und Moral.
Von daher nimmt es nicht wunder, dass spätestens in den Kinderbuch-Versionen wie etwa „Mecki im Schlaraffenland“ aus den 1950ern jegliche belehrende Absicht fehlt und nur noch ein Stück harmlose Unterhaltung übrig bleibt. Die Literaturforschung hat ausserdem darauf hingewiesen, dass die älteren Geschichten über das Schlaraffenland an einem Punkt unlogisch sind, denn wozu braucht man noch Geld, wenn es alle materiellen Güter umsonst gibt? Die Moderne hat folgerichtig auch das Geld weggelassen.

Es ist für das Denken der Menschheit bezeichnend, dass alle derartigen Träume, vom Schlaraffenland bis Star Trek, dem selben Muster folgen: ein grenzenloser materieller Überfluss eliminiert alle Wirtschaftsformen der Vergangenheit, denn wo keine Mängel existieren, kann keine Wirtschaft entstehen, die Zukunft ist kein „Super-“, „Turbo-“ oder sonstiger Kapitalismus, sondern auch dieser erweist sich nur als Übergangsform und wird ersetzt durch Funktionsabläufe, in die der Mensch gar nicht mehr eingreift und nicht eingreifen darf, weil seine Schwächen und Fehler alles kaputt machen würden.
Einen derartigen Zustand hat man mit Recht „märchenhaft“ genannt und die dazu nötige technische Perfektion ist buchstäblich „un-menschlich“, ist „mechanistisch“, „maschinenhaft“ oder, wie wir es seit Karol Capeks einmalig genialer Wortschöpfung von 1922 nennen, robotisch.

Das bedeutet natürlich auch, dass die Menschen die Kontrolle verlieren und davor fürchten sie sich oder zumindest wird es als beängstigend ausgemalt. In Wirklichkeit läuft es immer darauf hinaus, dass wir uns mit der Veränderung arrangieren. Die einen bekämpfen sie, die anderen verteidigen sie und während sich beide Seiten noch gegenseitig zerfleischen, liegt der Fortschritt längst ausserhalb der Debatte und beeinflusst die Menschen auf eine nicht vorhersagbare Weise, bis er schliesslich zu einem Teil des „normalen“ Lebens wird.
Einige Beispiele:
- Es ist heute Konsens, dass 1987 Computer einen Börsencrash verursacht und Millionenwerte vernichtet hätten, aber selbst wenn das wahr wäre, haben wir danach etwa die Computer abgeschafft?
- Die bemannte Raumfahrt erlebte seit den 1960ern Unglücke und Todesfälle, die in allen grausamen Details bekannt gemacht wurden. Hat das zum Ende der Raumfahrt geführt?
- Hat der Untergang der „Titanic“ im Jahr 1912 die Verwendung von Schiffen gestoppt?
- Hat das päpstliche Verbot der Armbrust im 14. Jahrhundert die Verwendung dieser Waffe beendet?
- Hat man im Jahr 1720 nach dem Desaster des Mississippi-Schwindels in Frankreich und des gleichzeitigen South-Sea-Blubble in England das Papiergeld wieder abgeschafft?
- Und Aids, diese Pest der Moderne, hat sie es vermocht, ungeschützten Sex zu eliminieren?
In jedem dieser Punkte haben wir entweder die Kontrolle verloren oder wir hatten sie niemals und trotzdem geht das Leben weiter. Menschen können sich nicht immer nur fürchten, irgendwann vergessen sie ihre Angst auch wieder und spätere Generationen belächeln sie sogar.


Diese beiden Elemente, das menschliche Bedürfnis, Geschichten zu erzählen und die Neigung, Neues allmählich zu integrieren, führten dazu, dass auch Geschichten über Wissenschaft und Technik entstanden. Jean Pauls „Der Maschinenmann“ aus dem Jahre 1796, als Satire auf den Fortschrittsglauben seiner Epoche gedacht, skizziert vieles als absurde Übertreibung, was im 20. und 21. Jahrhundert realisiert wurde und ist die früheste literarisch fassbare Vision eines „mechanischen Schlaraffenlands“, in dem die Maschinen übernehmen, was man zuvor von der Magie erwartete oder gar nicht zu erklären suchte, sondern sich „einfach so“ wünschte – und im Gegensatz zu Magie oder Religion, die sich nur selbst in die Tasche lügen, funktionierte die Technik auch in der wirklichen Welt.

Es muss für die Denker jener Epoche eine erschütternde Erfahrung gewesen sein, dass althergebrachte Grenzen, die man für unverrückbar gehalten hatte, plötzlich nicht mehr existierten und das Neue zu verspotten, ist eine häufige Reaktion, aus der Welt schaffen kann man es damit freilich nicht. Während der Schriftsteller noch seinen bissigen Witz von der Leine liess, gab es draussen in der Wirklichkeit Versuche, mit diesem neumodischen Ding namens Dampfmaschine ein Fahrzeug anzutreiben! „Unmöglich“, rief die gelehrte Welt, denn Wagen ohne Zugtiere, ja sogar Schiffe ohne Segel, wie sollte das jemals funktionieren?
In der Welt jenseits der Studierstuben jedoch erfüllte sich das Wort Leonardo da Vincis „Es wird Wagen geben, die von keinem Tiere gezogen werden und die mit ungeheurer Gewalt daherfahren.“ Die Folgen für das Denken der nächsten Generation illustriert Hans Christian Andersen, der unter seinen Märchen auch eines mit dem Titel „In Jahrtausenden“ verfasste. „Ja, in Jahrtausenden kommen sie auf den Flügeln des Dampfes durch die Luft über das Weltmeer...“, fabuliert er um das Jahr 1835 und führt uns vor, was man damals der Dampfkraft an Möglichkeiten zutraute.

Beide Geschichten sind heute bei „gutenberg.spiegel.de“ gratis zu haben und solche Ideen bereiteten den Boden für Jules Vernes „naturwissenschaftlichen Unterhaltungsroman“ ab dem Jahr 1863, der ja nicht immer fiktionale Elemente enthält. Man lese z.B. „Die Kinder des Kapitän Grant“, der dem Boden der zeitgenössischen Technik bleibt, ebenso wie „Der Kurier des Zaren“ oder „Der Grüne Strahl“; auch seine Fiktionen sind ganz im Stil des 19. Jahrhunderts gehalten, so wird etwa die Reise zum Mond mit einem damals erst kürzlich erfundenen Treibmittel namens „Schiessbaumwolle“ angetreten und die „Nautilus“ wie die „Propellerinsel“ beruhen auf einer Kombination aus geschmiedetem Stahl, Zahnrädern, Ventilen, Schrauben und frühen Elektrogeräten – alles Dinge, die man auch auf einem zeitgenössischen Bahnhof beobachten konnte.
Richtig in die Vollen geht dagegen Kurd Laßwitz, heute fast vergessen, ab dem Jahre 1877. Er ist ein ganz anderes Kaliber als Verne, denkt die Möglichkeiten technischer und wirtschaftlicher Entwicklung so weit wie damals überhaupt möglich, ist daher in seiner „Trefferquote“ einsame Spitze und leitet über zu Leuten wie H. G. Wells, Hans Dominik, Isaac Asimov und Stanislaw Lem, die die Realisierung ihrer Ideen vielfach noch erlebten.

Es ist angesichts dessen oft behauptet worden, dass die klassischen SF-Autoren jede zukünftige Entwicklung vorausgesehen hätten, doch muss man dies im richtigen Zusammenhang sehen, denn noch viel mehr Voraussagen sind nicht eingetroffen.
Wirklich geschehen ist Folgendes: Es wurde nach allen denkbaren Richtungen hin spekuliert und experimentiert und jede noch so absurd erscheinende Idee verfolgt, so dass rein statistisch ein paar Treffer dabei sein mussten. Das hat nichts mit Hellseherei zu tun, sondern mit langer, mühseliger Arbeit, mit Datensammeln und anstrengendem, bisweilen frustrierendem Denken und Diskutieren, bis man meinte, einen gangbaren Weg gefunden zu haben, immer mit dem Risiko, etwas später doch noch enttäuscht zu werden.

Die Irrtümer unterteilen sich in zwei Gruppen:
a) Einzelne Punkte, die von falschen Voraussetzungen ausgingen und daher nicht eintreffen konnten. Darunter fallen Ausserirdische, wobei man jedesmal stillschweigend „hoch entwickelte Zivilisation“ hinzufügt, Mutanten mit Superkräften, positronische und duotronische Computer.
- Ausserirdische existieren nicht, das wissen wir inzwischen, weil wir das ganze Universum durchsucht haben bis zu den ältesten und am weitesten entfernten Sternen und überall nur Leere fanden. Exoplaneten gibt es in rauhen Mengen und sogar in vielfältigeren Formen, als man erwartete, aber sie sind alle ohne Leben, ausser vielleicht in den primitivsten Formen wie Bakterien. Wohlgemerkt, die Existenz höherer Lebensformen verstösst nicht gegen die Naturgesetze, sondern es sind nur keine da, was die schon oft gemachte Beobachtung bestätigt, dass „möglich“ nicht gleich „existent“ ist.
- Superfähigkeiten, die sich aufgrund genetischer Mutationen herausbilden sollten, kann es der Sache nach nicht geben, weil biologisches Leben dazu nicht fähig ist.
- Positroniken wurden seit 1940 von Asimov postuliert, weil er nicht genug über Antimaterie wusste, um zu begreifen, dass diese Idee nicht funktioniert. Mit dem Wissen der 1980er sahen wir darin klar.
- „duotronische Computertechnik“ und „isolineare Chips“ sind nur leere Formeln, mit denen man in Star Trek Fortschritte des 23. bzw. 24. Jahrhunderts simulierte.

b) Komplexe Szenarien, bei denen die Utopie aufgrund unvorhergesehener Einflüsse extrem von der Realität abweicht. Die Autoren des 19. Jahrhunderts gehen von einer Kontinuität politischer und sozialer Systeme aus – das viktorianische England, wilhelminische Deutschland, die Belle Epoque Frankreichs – denen dann die Technik der Zukunft zur Verfügung stehen soll. Ähnlich verhalten sich Kino und Fernsehen bis in die 1950er, in deren Zukunftsvorstellungen z.B. Buck Rogers noch immer der amerikanische Musterknabe ist und eine weibliche Emanzipation nicht stattgefunden hat.
In der wirklichen Welt ist es anders gelaufen, weil neue Technologien zu neuen Informations-, Produktions- und Transportmethoden führten, die ganze Wirtschaftszweige eliminierten, neue entstehen liessen und soziale Umwälzungen ermöglichten. Alle diese Entwicklungen sind vielfach miteinander verflochten und haben dazu beigetragen, eine Welt zu erschaffen, die vor ihrer Entstehung nicht denkbar war.

Die SF passte sich wie alle Kulturerzeugnisse dem nur schrittweise an, noch der berühmte Kuss zwischen Kirk und Uhura sorgte in den 1960ern für rassistischen Aufruhr und die Technik ist mittlerweile dermassen weit fortgeschritten, dass nicht nur Verne und Laßwitz, sondern auch Wells, Dominik, Asimov und viele andere überholt, ganze Ereignisketten in den alten Romanen ad absurdum geführt wurden. Die „Quellen des Nils“, für Vernes Helden im Jahre 1863 noch ein Rätsel, waren schon im Atlas des 20. Jahrhunderts ebenso zu finden wie heute in der Wikipedia, den Mond haben wir wiederholt mit Menschen wie mit Maschinen besucht und er hat auch auf der Rückseite keine Atmosphäre (damit ist also Verne widerlegt und Dominik bestätigt), bei den Nachbarplaneten Mars und Venus mussten wir schon den Maschinen allein den Vortritt lassen, weil sie im All besser zurechtkommen (sie brachten uns u.a. die enttäuschende Erkenntnis, dass die Venus kein riesiger Tropenpark ist, sondern eine kochende Hölle und die „Marspyramiden“ eine natürlich entstandene Formation); die „Stratosphärenflugzeuge“ Professor Eggerths könnten in einer Welt voller Radar niemals ungestört schalten und walten, ja sie könnten wie auch die genialen Flugmaschinen eines Robur nicht einmal unbemerkt gebaut werden; die Gier nach Gold führte zu einer gezielten Suche im All, anstatt auf den zufälligen Absturz eines goldhaltigen Meteoriten zu warten; die „Zukunftskriege“ sind ausgefochten; Kapitän Nemo hat reale Nachfolger gefunden, die sich nicht von der Menschheit losgesagt haben, sondern ihr verbunden bleiben und ihre Erkenntnisse über die Welt unter Wasser in wunderbaren Dokumentationen zur Verfügung stellen – kurz, die Phantasie wurde von der Realität auf ganzer Länge geschlagen. Wir bewundern wohl noch die Hellsichtigkeit der alten Meister in vielen Details, aber zukunftsweisend sind sie nicht mehr.


Zur Illustration des selben Ergebnisses von einem anderen Ausgangspunkt haben wir hier noch einige Fundstücke aus dem Internet, die nicht als SF verfasst wurden, sondern, vom jeweiligen Zeitwissen ausgehend, einen ernsthaften Blick in die Zukunft versuchten [Meine Kommentare in eckigen Klammern].

Ein Artikel aus der „Pressburger Zeitung“ vom 22. März 1922

Fortschritte, die man voraussehen kann

In 78 Jahren wird man das Jahr 2000 schreiben. Da die Statistik besagt, dass von sieben Neugeborenen einer hoffen kann, bis zu 78 Jahren zu leben, so gibt es in den Städten und Dörfern der ganzen Welt junge Menschlein, die dieses Datum sehen werden, das für die Erwachsenen von heute von mystrichem Glanz umgeben ist.
Wie wird das Jahr 2000 sein?, fragt Paul Louis Hervier im "Figaro". Das Jahr 1000 war durch eine Weltpanik gekennzeichnet. Das Jahr 2000 wird nur die Apotheose des Fortschritts kennen [Irrtum, der Fortschritt hat immer seine Kritiker, denn so sind die Menschen].
In 78 Jahren werden die Wunder unserer Epoche Kinderspielzeuge scheinen [richtig]. Unsere Luftschifffahrt, unsere Unterseeboote, die noch zu Zeiten Jules Vernes Träume und Utopien waren, werden sicherlich Verbesserungen erfahren haben, die aus ihnen bequeme Verkehrsmittel für alle Welt machen, insofern nicht noch einfachere Mittel erfunden würden [richtig]. Im Jahre 2000 werden unsere wunderbaren Lokomotiven, die uns heute als mächtige Monstren erscheinen, ebenso unmodern sein wie die alte Postkutsche unserer Ahnen. Die Züge werden nunmehr elektrisch geführt werden [richtig]. Die Maschinen aller Fabriken werden durch Elektrizität betrieben werden, man wird alle Wasserfälle der Erde eingefangen haben, vielleicht auch die Kraft des Windes, zweifellos die von Ebbe und Flut [hier war der Ablauf genau umgekehrt, die Nutzung von Wasser- und Windkraft auf dem Festland ist allgemein, Gezeitenkraftwerke dagegen noch im Versuchsstadium], man wird vielleicht die Möglichkeit haben, der Luft die Elektrizität zu entnehmen, die sich in ihr befindet [falsch, diese Möglichkeit wurde wegen mangelnder Effizienz nicht umgesetzt. Statt dessen setzte man auf die 1922 noch nicht vorstellbaren Kräfte des Atoms und der Solarzelle, besonders die Letztere machte atmosphärische Kraftwerke überflüssig, weil sie die Energie der Sonne direkt aufnimmt, ohne dafür jene riesigen, in der Luft schwebenden Konstruktionen zu brauchen, wie sie Hans Dominik in seinem Roman „Himmelskraft“ so plastisch ausmalte. Dominik wurde übrigens noch in einem anderen Punkt überholt, denn er führte in diesem Buch Haltekabel mit einer „Zerreisslänge“ von 100 Kilometern als das maximal Realisierbare an, aber der neue Werkstoff „Graphen“, 2004 kreiert, bringt es auf über tausend und schlägt damit die kühnsten Träume der Materialforscher wie auch der SF-Autoren].

Ein Gelehrter sieht voraus, dass man in absehbarer Zukunft Möbel aus einem von Nickel herstammenden Metall – dem „Nickelum“ – verfertigen wird, und dieses Metall wird so leicht sein dass man einen Kasten so bequem verschieben wird können wie heute einen Stuhl, und so wenig kostspielig, dass solche Möbel jedem zugänglich sein werden, so reinlich, dass auch die Hygiene dabei in vollstem Maße, mehr als bisher, berücksichtigt werden wird [überflüssig, weil wir heute andere Materialien besitzen, die billiger sind]. In den Wohnungen wird alles elektrisch sein, die Küche, der Kochapparat, das Waschen des Geschirrs, und die menschliche Handleistung wird auf ein Minimum reduziert sein. Eine Dienstbotenkrise wird es nicht geben [paradox: heute ist alles elektrisch und das in grösserem Ausmass als geahnt, aber dennoch mangelt es weltweit nicht nur an Dienstboten, sondern allgemein an Arbeitskräften].

Ein amerikanischer Verleger sieht eine grosse Verbesserung in der Ausstattung der Bücher voraus. Nach ihm wird man Blätter aus Nickel fabrizieren, die so leicht und dünn sein werden, dass ein einziger Band 30.000 Seiten enthalten wird, die biegsamer, aber auch widerstandsfähiger sein werden als die Papierseiten [falsch, weil durch die Digitalisierung überflüssig]. Ein anderer amerikanischer Fabrikant ist überzeugt, dass ein Anzug von einer Maschine, die aufs Genaueste durch Elektrizität dirigiert wird, zugeschnitten, genäht und mit Knöpfen versehen werden wird [in heutigen Begriffen ein robotischer Schneider, das ist überholt durch die Möglichkeit, Kleidung im 3D-Drucker herzustellen, vorausgesetzt, dass es rentabel wäre].

Nach der Statistik wird, wenn die Zunahme der Bevölkerung in den grossen Städten in demselben Prozentsatz erfolgt wie bisher, im Jahre 2000 London vierzehn Millionen Einwohner haben und Paris neun Millionen [stimmt nur, wenn man die verwaltungsrechtlich nicht zur Stadt gehörenden Vorstädte mitzählt]. Die Strassen werden mit "Nickelum" gepflastert sein, da dieses Metall härter, dauerhafter sein und den Strassenlärm besser dämpfen wird als Kautschuk [falsch, es entstanden statt dessen andere Beläge]. Die Luft der grossen Städte wird besser sein, der Rauch der Fabriken existiert nicht mehr [richtig]. Man wird mittels unterirdischer rollbarer Trottoirs oder gar Wägelchen, die in pneumatischen Röhren fortbewegt werden, seine Besorgungen machen [falsch]. Die Kohle wird ihren grossen Wert verloren haben [falsch, wenn man damit ihre Bedeutung meint; richtig, wenn man nur den Preis meint]. Man wird sich hauptsächlich von synthetischen Produkten ernähren [in der Praxis kam es zu einer Verschmelzung von Synthetischem und natürlich Gewachsenem, wodurch eine Unterscheidung sinnlos wurde].
Ein englischer Gelehrter meint, dass man vom Boden nicht bloss Gemüse und Früchte, nicht bloss fette Weiden und fruchtbare Felder, sondern auch eine unerschöpfliche Quelle von Wärme und Energie haben wird. Es würde genügen, meint er, einen Schacht von einigen Kilometern zu graben, um darin die für alle Industrien notwendige Wärme zu finden. Das Wasser würde in dieser Tiefe eine solche Temperatur haben, dass man damit alle Maschinen der Welt betreiben könnte [das war aufgrund geologischer Gegebenheiten nicht ganz so einfach, ist aber in der Sache zutreffend. Auffällig wirkt jedoch, dass diese Nutzung geothermaler Energie, wie wir es heute nennen, damals noch als Zukunft behandelt wurde, obwohl das geothermale Kraftwerk von Larderello in Italien schon seit 1905 in Betrieb ist, gar nicht zu reden von der Jahrtausende alten Nutzung natürlicher heisser Quellen in aller Welt. Der Verfasser dieses Artikels scheint also einige Dinge nicht gewusst zu haben.].
Und das sind nur die Fortschritte, die wir voraussehen können! Wie viel wird sich auf Gebieten zeigen, um die man sich heute gar nicht kümmert!

Kommentar: Der letzte Absatz ist der klügste. Unzählige Details wie auch grosse Dinge sind in diesem Text nicht einmal angedeutet. Wieder zeigt sich, dass nicht die Technik oder gar die Naturgesetze den Fortschritt begrenzen, sondern nur die menschliche Blindheit.

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Eine Satire aus den 1930ern

Hermann Kasack [Pseudonym?]

Mechanischer Doppelgänger

„Ein Herr wünscht Sie zu sprechen“, meldete die Sekretärin. Ich las auf der Besuchskarte: Tobias Hull, B. A. – Keine Vorstellung. Auf meinen fragenden Blick: „Ein Herr in den besten Jahren, elegant.“
Anscheinend ein Ausländer. Immer diese Störungen. Irgendein Vertreter. Oder? Was weiß man. – „Ich lasse bitten.“
Herr Tobias Hull tritt mit vorsichtigen Schritten ein. Er setzt Fuß vor Fuß, als fürchte er, zu stark aufzutreten. Ob er leidend ist? Ich schätze sein Alter auf Mitte vierzig. Eine große Freundlichkeit strahlt aus seinem glattrasierten, nicht unsympathischen Gesicht. Sehr korrekt angezogen, beinahe zu exakt in seinen verbindlichen Bewegungen, scheint mir. Nun, man wird sehen. Mit der Hand zum Sessel weisend: „Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?“
„Oh! Ich wollte mich Ihnen nur vorstellen.“
„Sehr angenehm“, sage ich.
„Oh! Sie verstehen!“ Dieses mit einem leicht jaulenden Ton vorgebrachte Oh! ist unnachahmlich. Seine müde, etwas monotone Stimme hat einen kleinen fremden Akzent. Er sieht mich mit freundlicher Erwartung an.
Über das Benehmen seines Besuches doch ein wenig erstaunt, wiederhole ich: „Sehr angenehm. Aber darf ich Sie fragen –“
Da werde ich sogleich mit seinem „Oh!“ unterbrochen: „Bitte fragen Sie mich nicht.“
Und dann beginnt er, seine Geschichte zu erzählen, die er anscheinend schon hundertmal vorgebracht hat: „Ich bin nämlich ausgestopft!“
„Aber – erlauben Sie mal!“
Das eigentümliche Wesen, das mich überlegen fixiert, beachtet den Einwurf nicht, sondern fährt unbeirrt fort: „Erschrecken Sie nicht, weil ich eine Art Automat bin, eine Maschine in Menschenform, ein Ersatz sozusagen. Mr. Tobias Hull existiert wirklich. Der Chef einer großen Fabrik zur Herstellung von mechanischen Doppelgängern. Ich bin, wie sagt man, seine Projektion, ja, Agent in Propaganda. Ich kann Ihnen natürlich meinen Mechanismus im einzelnen nicht erklären – Sie verstehen: Fabrikationsgeheimnis! Aber wenn Sie daran denken, daß die meisten Menschen heutzutage ganz schablonenmäßig leben, handeln und denken, dann werden Sie sofort begreifen, worauf sich unsere Theorie gründet! Herz und Verstand werden bei uns ausgeschaltet. Sie sind es ja, die im Leben so oft die störenden Komplikationen hervorrufen. Bei uns ersetzt die Routine alles. Sehr einleuchtend, nicht wahr?“
Ich nickte verstört.
„Oh! Mein Inneres ist ein System elektrischer Ströme, automatischer Hebel, großartig! Eine Antennenkonstruktion, die auf die feinsten Schwingungen reagiert. Sie läßt mich alle Funktionen eines menschlichen Wesens verrichten, ja, in gewisser Weise noch darüber hinaus. Sie sehen selbst, wie gut ich funktioniere.“
Zweifelnd, mißtrauisch betrachte ich das seltsame Geschöpf. „Unmöglich!“ sage ich. „Ein Taschenspielertrick. Sehr apart. Indessen –“
„Oh! Ich kann mich in sieben Sprachen verständigen. Wenn ich zum Beispiel den obersten Knopf meiner Weste drehe, so spreche ich fließend englisch, und wenn ich den nächsten Knopf berühre, so spreche ich fließend französisch, und wenn ich – “
„Das ist wirklich erstaunlich!“
„Oh! In gewisser Weise; vor allem aber angenehm. Wünschen Sie ein Gespräch über das Wetter, über Film, über Sport? Über Politik oder abstrakte Malerei? Fast alle Themen und Vokabeln des modernen Menschen sind in mir vorrätig. Auch eine Spule von Gemeinplätzen läßt sich abrollen. [Genau diese Fähigkeit haben heutige Maschinen, die permanent drahtlos vernetzt sind!] Alles sinnreich, komfortabel und praktisch. Wie angenehm wird es für Sie sein, wenn Sie sich erst einen mechanischen Doppelgänger von sich halten – oder besser, wenn Sie gleich zwei Exemplare von sich zur Verfügung haben.
Sie könnten gleichzeitig verschiedene Dienstreisen unternehmen, an mehreren Tagungen teilnehmen, überall gesehen werden und selber obendrein ruhig zu Hause sitzen. Sie haben einen Stellvertreter Ihres Ich, der Ihre Geschäfte wahrscheinlich besser erledigt als Sie selbst. Sie werden das Doppelte verdienen und können Ihre eigene Person vor vielen Überflüssigkeiten des Lebens bewahren. Ihr Wesen ist vervielfältigt. Sie können sogar sterben, ohne daß die Welt etwas davon merkt. Denn wir Automaten beziehen unsere Existenz aus jeder Begegnung mit wirklichen Menschen.“
„Aber dann werden ja die Menschen allmählich ganz überflüssig.“
„Nein. Aus eben diesem Grunde nicht. Zwei Menschenautomaten können mit sich selber nur wenig anfangen. Haben Sie also einen Auftrag für mich?“
Mit jähem Ruck sprang das Wesen auf und sauste im Zimmer hin und her.
„Oh! Wir können auch die Geschwindigkeit regulieren. Berühmte Rennfahrer und Wettläufer halten sich schon Doppelgänger-Automaten, die ihre Rekorde ständig steigern.“
„Phantastisch! Man weiß bald nicht mehr, ob man einen Menschen oder einen Automaten vor sich hat.“
„Oh!“, zischte es an mein Ohr, „das letzte Geheimnis der Natur werden wir nie ergründen. – Darf ich also ein Duplikat von Ihnen herstellen lassen? Sie sind nicht besonders kompliziert zusammengesetzt, das ist günstig. Das hineingesteckte Kapital wird sich bestimmt rentieren. Morgen wird ein Herr kommen und Maß nehmen.“
„Die Probe Ihrer Existenz war in der Tat verblüffend, jedoch –“ Mir fehlten die Worte und ich tat so, als ob ich überlegte.
„Jedoch, sagen Sie nur noch: Der Herr, der morgen kommen soll, ist das nun ein Automat oder ein richtiger Mensch?“
„Ich nehme an, noch ein richtiger Mensch. Aber es bliebe sich gleich. Guten Tag.“
Mr. Tobias Hull war fort. Von Einbildung kann keine Rede sein, die Sekretärin ist mein Zeuge. Aber es muß diesem Gentlemangeschöpf unmittelbar nach seinem Besuch bei mir etwas zugestoßen sein, denn weder am nächsten noch an einem späteren Tage kam jemand, um für meinen Doppelgänger Maß zu nehmen. Doch hoffe ich, wenigstens durch diese Zeilen die Aufmerksamkeit der Tobias-Hull-Gesellschaft wieder auf meine Person zu lenken.
Denn eines weiß ich seit jener Unterhaltung gewiß: ich bin inzwischen vielen Menschen begegnet, im Theater und im Kino, bei Versammlungen und auf Gesellschaften, im Klub und beim Stammtisch, die bestimmt nicht sie selber waren, sondern bereits ihre mechanischen Doppelgänger.

Kommentar: Satire? Zum Zeitpunkt, als es verfasst wurde, mit Sicherheit, aber heute, nur etwa 80 Jahre später, ginge der selbe Text als nüchterne Prognose durch, abgesehen von dem hoffnungslos blödsinnigen „das letzte Geheimnis der Natur werden wir nie ergründen“, denn wie auch immer man dieses „Geheimnis“ definieren mag, wir haben es ergründet.
Von der Technik erzeugte Doppelgänger nennen wir heute Avatare und die aktuellen „Telepräsenzroboter“ sind der erste Schritt, ihnen auch physische Realität zu geben. Nur über den Grad an gewünschter Autonomie streiten wir noch und über die daraus entstehende Frage, wer für die Handlungen eines Roboters verantwortlich gemacht werden kann. Der Hersteller? Der Käufer (juristisch „Eigentümer“)? Der tatsächliche Nutzer (juristisch „Besitzer“)?
Diese Definitionen stammen aus einer Welt ohne Roboter, sind sie heute noch ausreichend? Kann man z.B. von „Besitz“ sprechen, der als „tatsächliche Herrschaft über eine Sache“ definiert wird, wenn die Maschine eigene Entscheidungen trifft? Wenn der Mensch, ganz gleich, was er will, gar nicht eingreifen kann?

Nebenbei zeigt sich in dieser Veränderung der Debatte, wie sich die Einstellung gegenüber Robotern geändert hat. Der Text artikulierte noch Ängste, die mit der Vorstellung autonom agierender Maschinen verknüpft waren und diese Ängste wurden bis in die Gegenwart immer wieder von neuem ausgegraben, heute jedoch ist es unser Wunsch, diese Vorstellung zu realisieren und bis es soweit ist, verschlingen wir gierig jede Fiktion über das Thema und kaufen jede Maschine, die auch nur eine Annäherung darstellt.
Dabei braucht man nicht unbedingt einen „Doppelgänger“. So sehr diese Idee des Langen und Breiten ausgewalzt wurde, meistens in der Form, dass ein finsterer Schurke seine Opfer kopiert, um fürchterlich finstere Schurkenzwecke zu erreichen, in der Praxis erscheint es viel zu kompliziert. Der Aufwand, den man dabei betreiben müsste, ist so gross, die Steuerung des Ganzen so diffizil, dass man das nötige Geld sinnvoller für Bestechungen verwenden könnte.
Ausserdem lässt sich generell fragen, wozu man den Aufwand betreiben sollte, denn wenn man erst einmal über eine solche Macht verfügt, dann kann man ohnehin von den Maschinen alles bekommen, was sich nur vorstellen lässt. Wozu noch Verbrecher sein?
Auch jemand, der keiner ist, braucht nicht zwangsweise eine mechanische Kopie von sich selbst. Wir wollen, dass unsere Roboter anders sind, nämlich besser als wir, damit sich die Sache auch lohnt. Sie werden stärker, schneller, attraktiver sein, mehr können und mehr leisten als wir und endlich ist, wie schon etliche Leute ausgeführt haben und wie es die moderne Prothetik beweist, eine strikte Trennung zwischen Mensch und Maschine Unsinn. Beide verschmelzen und damit löst sich der Konflikt auf klassische Weise: These – Antithese – Synthese.

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Ein Artikel aus der „HörZu“, 1950

Was unsere Kinder von Wissenschaft und Technik zu erwarten haben

In atemberaubenden Tempo entwickeln sich Wissenschaft und Technik. Wohin wird dieser Kurs führen? Was wird in 50 Jahren sein? Im Jahre 2000? Eine Antwort auf diese Frage kann nur bedingt richtig sein. Wir müssen von den Erkenntnissen unserer Tage ausgehen. Aber wir wissen nicht, ob das gegenwärtige Tempo anhält [es hat sich noch gesteigert]. Was hier geschildert wird, gehört jedenfalls nicht ins Reich der Phantasie. Wir nehmen an, daß Wissenschaft und Technik in ihrer heutigen Form sich folgerichtig weiterentwickeln. Hier die Ansichten des bekannten englischen Schriftstellers Walter Shepberg zu diesem Thema [Lüge, da es einen derartigen Mann nie gegeben hat; der Text wurde in Wahrheit von einem Deutschen geschrieben und sollte mit dieser falschen Herkunftsangabe attraktiver gemacht werden].

Werfen wir zunächst einen Blick in den Alltag des Menschen vom Jahre 2000. Immer noch steht die Hausfrau in der Küche. Aber der Gasherd und der elektrische Kocher sind verschwunden. Sie verstauben irgendwo im Museum. Die Hausfrau kocht mit Hochfrequenz-Strömen, die direkt durch das Essen geleitet werden. Sie benötigt zum Kochen nur noch den sechzigsten Teil der Zeit, die eine Hausfrau von 1950 vor ihrem Herd verbringt. Übrigens gibt es auch in unseren Tagen schon Hochfrequenz-Kocher, die ein Beefsteak in sechs Sekunden butterweich werden lassen und einen Braten in zwei Minuten tischfertig machen. [Das entspricht der Mikrowelle, die allerdings ältere Technik noch nicht verdrängt, sondern nur ergänzt hat. Dass es auch Hausmänner gibt oder der technische Fortschritt überaus komfortable Single-Haushalte ermöglicht, konnte man sich erst recht nicht vorstellen; kein Wunder in einer Zeit, in der es noch nicht einmal den Begriff „Single“ gegeben hat, sondern allein lebende Leute noch wie im Mittelalter als „Hagestolz“ und „alte Jungfer“ galten.] Auch der Ärger mit den Uhren hat im Jahre 2000 aufgehört. Denn jeder Mensch besitzt eine Uhr, die sich automatisch nach Radiosignalen regelt [mit Uhren wurde das technisch realisiert, war aber nicht allgemein nötig, moderne internetfähige Geräte können es auch].

Hefe statt Fleisch
Wahrscheinlich werden sich die Menschen in 50 Jahren Sorgen machen müssen, woher sie das Fleisch nehmen sollen. Denn die Bevölkerung der Erde hat sich dann so stark vermehrt, daß die Landwirtschaft nicht die nötigen Mengen Fleisch erzeugen kann. Doch die Wissenschaft hat einen Ausweg gefunden. Neue hochwertige Nahrungsmittel werden industriell hergestellt. Das Ausgangsprodukt ist – Hefe. Sie hat die Eigenschaft, in sehr kurzer Zeit Eiweiß aufzubauen. Sie tut es 144'000 mal so schnell wie der tierische Organismus [War überflüssig, weil die Nahrungsmittelindustrie generell effizienter wurde und das Wachstum der Weltbevölkerung im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts zu Ende ging. Hefen, denn es gibt mehrere Arten, haben anderweitig Verwendung gefunden].
Für die Abwechslung auf dem Speisezettel sorgen neue Früchte und Gemüse. Sie werden nicht mehr umständlich konserviert und zurechtgemacht, sondern werden mitten in den Wohnvierteln in besonderen Treibhäusern unter ständiger Aufsicht von Versuchslaboratorien gezogen [falsch]. Chemiker und Botaniker wachen darüber, daß nur die beste Ware auf den Tisch kommt.
Mit den Rohstoffen der Industrie geht es ähnlich. Niemand denkt mehr daran, seinen Bedarf an Holz, Gummi oder anderen Stoffen aus natürlichen Quellen zu decken. Denn im Jahre 2000 wird es bessere künstliche Produkte geben. Schon heute zeigt die Kunststoff-Industrie überraschende Erfindungen auf diesem Gebiet. Außerdem wird es mit Hilfe der Atomphysik möglich sein, jeden beliebigen Stoff herzustellen. Wahrscheinlich auch Substanzen, die uns heute noch unbekannt sind [technisch korrekt, nur ging es nicht ganz so schnell mit der kompletten Synthetisierung, denn sie war auch im Jahr 2015 noch aufwändig und teuer, so dass natürliche Quellen weiterhin ihre Berechtigung hatten].

Neue Hoffnung für Kranke
Auf dem Gebiet der Medizin sind erhebliche Verbesserungen zu erwarten. Wahrscheinlich wird man im Jahre 2000 den Krebs erfolgreich bekämpfen. Heute schon kennt die Krebs-Forschung einen Stoff, das sogenannte "Guanazalo". Spritzt man ihn in die Blutbahn krebsinfizierter Mäuse, so hören die kranken Zellen zu wachsen auf. Gesunde Körperzellen werden nicht angegriffen. Heute ist das "Guanazalo" beim Menschen noch nicht wirksam. Aber andere, bessere Mittel werden es in 50 Jahren ersetzt haben [hier ist „der Krebs“ eine zu starke Vereinfachung. Es gab Arten, welche bis zum Jahr 2000 heilbar gemacht wurden und andere, die noch bis 2015 allem Bemühen widerstanden]. Die Ärzte werden die rheumatische Gicht in wenigen Tagen heilen können [falsch, auch noch im Jahr 2015 waren langwierige Therapien erforderlich]. Die Tuberkulose wird dann eine fast unbekannte Krankheit sein [richtig]. Menschen, die das hundertste Lebensjahr überschreiten, sind nicht mehr selten [richtig].

Auch im Straßenverkehr hat sich das Bild völlig verändert. Kraftwagen werden zwar nicht durch Atomkraft angetrieben, wohl aber durch Elektrizität [wurde erst nach dem Jahr 2000 schrittweise aufgebaut]. Und diese Elektrizität wird von den großen Atom-Kraftwerken sehr billig geliefert [nicht nur von diesen]. Scheinwerfer und Windschutzscheiben der Fahrzeuge sind aus polarisiertem Glas gefertigt und schließen jede Blendung aus [technisch realisiert, aber noch kein Standard]. Einige Länder verzichten auf die Straßenbeleuchtung. Denn sie strahlen an wolkenlosen Tagen gebündelte Rundfunkwellen senkrecht nach oben und lassen so in vielen Kilometern Höhe eine künstliche Sonne aufleuchten [falsch, weil es den Flugverkehr behindern würde].
Die Kinobesucher kommen besser auf ihre Kosten als die Menschen von heute. Denn inzwischen ist der lang erwartete farbige plastische Film endlich Wirklichkeit geworden [„plastisch“ bedeutet 3D und das wurde in der Tat realisiert, die wahre Herausforderung ist aus heutiger Sicht die „force feedback“-Technik, mittels derer man die Handlung auch am eigenen Leibe spürt. Seltsam genug jedoch, dass hier kein Wort vom Fernsehen steht, obwohl es sich in Schwarzweiss bereits ausbreitete und in Farbe absehbar war].

Roboter tun die Arbeit
Die Fabriken beschäftigen nur noch wenige Arbeiter. Roboter und Automaten ersetzen die menschliche Arbeitskraft [das dauerte länger als bis zum Jahr 2000 und vollzog sich nicht pauschal, sondern je nach Branchen unterschiedlich]. Die Menschen aber verwenden einen großen Teil ihrer freien Zeit darauf, an Fortbildungskursen teilzunehmen [richtig].
Vor allem aber werden die schon lange geplanten Gartenstädte Wirklichkeit [falsch]. Denn ein längerer Arbeitsweg ist kein Problem mehr, weil die Arbeitszeit verkürzt ist [falsch, denn wir haben trotz aller Roboter noch Arbeit ohne Ende]. In den Gartenstädten ist jedes Haus mit fließend warmem Wasser und Fernheizung ausgestattet [meine Güte, wie armselig muss das Jahr 1950 gewesen sein, wenn diese für uns selbstverständlichen Dinge noch als erstrebenswerte Zukunft galten! Etwas Ähnliches zeigt sich in Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“ von 1955, wo der Kauf von Vollmilch, Weissbrot, Butter, Schokolade oder einem Radio als Zeichen von Wohlstand gelten, Dinge also, die man heute zu Spottpreisen bekommt].
Den Gelehrten ist es inzwischen gelungen, Einsteins neue Theorie von der Beziehung zwischen Schwerkraft und Magnetismus entweder zu beweisen oder aber zu widerlegen. Vielleicht sind sich dann die Astronomen auch über Größe und Form des Weltalls einig. Sicher aber werden sie eine Erklärung für das Aufleuchten der "Supernovae", der neuen Sonnen im Weltall, gefunden haben [in diesem Absatz ist alles zutreffend].

Der Mond ist nicht mehr einsam
Die berühmte Raketenlandung auf dem Mond ist auch im Jahre 2000 noch nicht geglückt [Doch, schon 1969, nur 19 Jahre nach der Veröffentlichung dieses Textes. Im realen Jahr 2000 ging es bereits um den Mars]. Aber hochentwickelte Atomkraft-Raketen werden bereits vom Mond, vom Mars und von der Venus genaue Aufnahmen mitbringen [und noch aus viel grösserer Entfernung]. Sie senden wertvolle Informationen durch Radiosignale zur Erde. Wahrscheinlich werden einige der abgeschossenen Raketen von ihrer Bahn abweichen und als Monde um die Erde kreisen. Sehr zur Freude der Liebhaber-Astronomen, denen diese Monde zur Prüfung ihrer Teleskope und Chronometer nur willkommen sind [warum kam man nicht auf die Idee, dass künstliche Satelliten eigens für einen bestimmten Zweck gebaut würden? Konnte man sich ihren Nutzeffekt nicht vorstellen? Zum Vergleich: Arthur C. Clarke sagte in den 1950ern ein Satellitennetzwerk zur Kommunikation voraus und behielt damit Recht, von den Arbeiten eines Tsiolkowski schon fünfzig Jahre zuvor gar nicht zu reden. Auch hier hat also der Verfasser des Artikels Dinge, die bereits veröffentlicht waren, entweder nicht gekannt oder sogar gezielt ignoriert.].
Alle diese Erfindungen liegen im Bereich der technischen Möglichkeiten. Aber sie werden den Menschen nur zugute kommen, wenn die Arbeitskraft der Gelehrten und der Reichtum unserer Erde friedlichen Zwecken dienstbar gemacht werden. Gewiß werden es unsere Nachfahren im Jahre 2000 einfacher haben. Sie werden bequemer leben [noch nicht alle]. Aber sie werden nicht glücklicher sein als die Menschen von 1950. Und – sie werden genau so wenig zufrieden sein, wie wir es sind!
[Die beiden letzten Sätze gehen davon aus, dass die menschliche Natur immer gleich bleibt, das war ein Irrtum.]

Kommentar: In diesem Text hat man die bemannte Raumfahrt, erst recht ihre private Dimension, die Biotechnik und die Digitalisierung vollständig übersehen, die die Welt noch stärker veränderten, als man damals ahnen konnte. „Fortbildung“, um nur ein Beispiel zu nennen, bedeutete schon seit den 1970ern nicht mehr nur den physischen Besuch irgend einer Lehreinrichtung, sondern auch das „Telekolleg“ im Fernsehen und im 21. Jahrhundert Bildung jeglicher Art aus dem Internet.


Man betrachte nun diese Texte im Zusammenhang. Von 1922 bis 1950, also in nur 28 Jahren, werden darin verschiedene Aspekte aufgegriffen und was der eine noch nicht ahnte, galt wenig später einem anderen aus der selben Generation als unvermeidlich. Der Grund ist, dass jene Zeit auch schon eine Epoche starker bis radikaler Veränderungen war, wie ein Blick in die Geschichte allgemein beweist. Im Jahre 1950 lebten die Menschen bereits „im Schatten der Atombombe“, die 1922 noch von etlichen seriösen Denkern für unmöglich gehalten wurde, die „Elektronengehirne“ hatten ihren Siegeszug angetreten und der „Wettlauf um den Weltraum“ war in vollem Gange. Nur uns Heutigen, die wir an den Konsum riesiger Datenmengen in kürzester Zeit gewöhnt sind, mag das alles noch sehr langsam erscheinen.

Durch die in unserer Zeit so sehr beschleunigte technische Entwicklung wurde auch die SF schneller überholt als früher. Es fiel mir zuerst bei Filmen der 1950er auf, aber wenn man das Muster einmal erkannt hat, wird es auch anderswo offensichtlich: um eine in sich plausible Geschichte zu erzählen, musste man den Kosmos wesentlich phantastischer und schreckenerregender gestalten, als er in Wirklichkeit ist und die Technik permanent schwächer darstellen als den Menschen, was erst recht absurd ist. Das war eine kommerziell sehr erfolgreiche Strategie, weil sie die menschliche Eitelkeit bedient und manches der so entworfenen Universen ist überaus attraktiv, aaaber – ja, das verflixte „Aber“ sagt uns ein ums andere Mal, dass die Wirklichkeit nicht so funktioniert.

Fast möchte man das bedauern. Alle Träume von exotischen fremden Welten, von unsagbarer Schönheit, wunderbaren Aliens usw. sind zerfallen. Jeder kann heute einen SF-Roman oder -Film unter die Lupe nehmen, mit der tatsächlichen Entwicklung vergleichen, die in der Fiktion enthaltenen Fehler aufspiessen und den physikalischen Hintergrund erklären, wo die eigenen Kenntnisse nicht ausreichen, nimmt man die Fachliteratur und neuerdings das Internet zu Hilfe – fertig.
Wir können auch nicht mehr auf „neue“ Entdeckungen hoffen, denn jedesmal, wenn wir einen Planeten finden, kennen wir auch sofort seine Grösse, Schwerkraft, Oberflächentemperatur etc., brauchen also nicht erst hinzufliegen, um enttäuscht zu werden. Dieses Szenario hat sich nun schon mehrere tausend Male abgespielt und es ist kein Wunder, dass das Publikum die Lust verliert. Noch ein langweiliger Gasriese oder toter Felsbrocken? Meine Güte, steckt ihn irgendwo in eure astronomischen Kataloge und lasst mich damit in Ruhe.
Unsere Erwartungen waren hoch gespannt, um so tiefer dann der Fall in die Realität. „Grundlagen“-Forschung ist nicht sexy, reale Beschränkungen im Gegensatz zu fiktiver Allmacht können nicht begeistern. Führt man diesen Gedanken weiter, dann könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Expansion ins All ihre Schuldigkeit getan hat, dass alle Fragen beantwortet sind und wir für den Rest unserer Existenz hier auf der Erde bleiben können.

Natürlich ist Raumfahrt auch ein gutes Geschäft, also wird man sich bemühen, die Begeisterung dafür so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten:
a) die Leute werden von der Realität so enttäuscht, dass dieses Geschäft in einigen Jahren endgültig untergeht
oder
b) sie werden selbst von dem Wenigen, was die Wirklichkeit zu bieten hat, dermassen süchtig, dass sie die Raumfahrt weiter voran treiben, was dann ironischerweise dazu führen könnte, sie doch noch auf galaktisches Niveau zu heben.


Man hat denn auch den Eindruck, dass die Fiktion seit den 1950ern überhastet versuchte, den Anschluss an eine immer schnellere Entwicklung in der Realität zu finden und dabei scheiterte. Aldous Huxley brachte das auf den Punkt, als er nach der Entdeckung der DNS sagte, er habe sein 1936 verfasstes Buch „Schöne neue Welt“ 600 Jahre in der Zukunft spielen lassen, aber nun, im Jahr 1953, könne er nicht einmal mehr dafür einstehen, dass diese Zukunft noch hundert Jahre entfernt sei; womit er denn auch recht behalten hat, wie wir heute wissen. Selbst Trash-Filme, die sich nicht um Logik kümmerten, wurden davon beeinflusst, weil dieses neue Wissen auch in den Köpfen ihrer Produzenten vorhanden war; um so mehr jede ernst gemeinte SF und ein Glanzstück dieser Bemühungen ist Stanley Kubricks Film „2001 – A Space Odyssey“, dessen Vorhersagen allesamt (!) fehlschlugen.
Star Trek versuchte ab 1987 noch einmal, uns mit klassischem SF-Handwerk eine Vorstellung vom 24. Jahrhundert nahe zu bringen, wurde aber nicht erst nach Jahrhunderten, sondern schon nach zwei Jahrzehnten hoffnungslos altmodisch, weil die „Zukunftstechnik“ entweder da war oder kurz vor der Markteinführung zu stehen schien. Als Reaktion darauf entwickelte sich ab den 1980ern die „Near-Future-SF“ und als ihr berühmtester Zweig der Cyberpunk, in dem die Welt von ungefähr 1999 bis 2060 zum Schauplatz dieser Zukunftstechnik gemacht wurde, bis auch das nicht mehr glaubwürdig war.
Dabei ist ausserdem zu sehen, dass wir nicht die Wahl haben, welche Zukunftsvision wir denn gerne realisieren wollen, sondern dass alle verwirklicht werden, sofern sie nur nach den Naturgesetzen machbar sind. Es gibt heute Roboter und Cyborgs und Energiewaffen und private Raumfahrt und Gentechnik und Tricorder und automatische Gesichtserkennung und totale Überwachung und Megakonzerne und Marsflüge und Meteoriteneinschläge und Superviren und Cyberwar und Klimawandel und private U-Boote und Nanomaschinen.
William Gibson, der Schöpfer des Wortes „Cyberpunk“ und vieler grundlegender Ideen dazu, holte seine Geschichten im frühen 21. Jahrhundert deswegen immer näher an die Gegenwart heran und in der Technologie des „Shadowrun“-Universums gab es mehrere radikale Sprünge, um das fiktive Jahr 2070 nicht altmodischer aussehen zu lassen als das wirkliche Jahr 2010, bis man nur noch sagen konnte „das wars, die Zukunft ist jetzt“ und scheinbar „fantastische“ Technik nur noch Stoff für Geschichten aus der Gegenwart hergab.

Wie das im Einzelnen abläuft, sieht man am „papierlosen Büro“, einer Idee, die sehr attraktiv klang, aber an einem Paradoxon scheiterte: Papier oder andere analoge Datenträger sind nötig, so lange Menschen den Job machen, es sei denn, die Technik würde sich so weit entwickeln, dass die Büromenschen von selbst zu ihr greifen und Papier überflüssig wird. Wenn aber die Technik das schafft, dann ist sie gleichzeitig so hoch entwickelt, dass auch Büros an sich überflüssig werden, weil die Technik alles alleine kann.
Einige bereits realisierte Beispiele:
- Die Einführung der deutschen Steueridentifikationsnummer liess die bisherige Arbeit des Herstellens, Verteilens und Verwaltens von Lohnsteuerkarten und lokalen Steuernummern verschwinden. Ein paar Tastendrücke, ein paar Mausklicks, die von überall möglich sind – mehr blieb nicht mehr übrig.
- Nach dem selben Muster, aber radikaler in der Ausführung, sind in der Verwaltung von Unternehmen viele Arbeitsschritte verschwunden, die mit der Büroorganisation von 1950 oder 1980 unverzichtbar waren und die heute niemand mehr kennt. Dadurch wurden ganze Abteilungen überflüssig.
- Der Zugang zum Arbeitsplatz wird nicht mehr über einen papierenen Werksausweis geregelt, den man einem Pförtner zeigt, sondern über Chipkarten, Transponder und/oder Implantate, die nur noch kurz vor einen in die Wand eingebauten Scanner gehalten werden. Einen Menschen diesen stupiden Job machen zu lassen, erscheint heute als unnötige Grausamkeit.
- Um so viel Wissen global zu verteilen, wie es das Internet leistet, wäre nach herkömmlichen Verfahren der Aufbau einer gigantischen Schulbürokratie mit Millionen Beamten erforderlich gewesen, deren Bürogebäude Hunderte Quadratkilometer Boden bedeckt hätten und dennoch relativ ineffizient gewesen wären. Spottbillige Netzzugänge in Asien, Afrika und Südamerika liessen das Bedürfnis nach einem Monstrum dieser Art gar nicht erst aufkommen.
- Aus dem selben Grund sind Lexika, Zeitungen und Zeitschriften verschwunden, die Büros, in denen man früher ihre Inhalte produzierte, stehen leer und die Menschen haben sich andere Jobs gesucht.

Die logische Folge war, dass die SF nach und nach ausstarb, angefangen bei klassischen Pulp-Magazinen, Comics und Heftromanen. Zu ihren Blütezeiten hatte jedes dieser Medien für „krisensicher“ gegolten, aber in der wirklichen Welt wird jeder Markt irgendwann gesättigt; das gleiche Schicksal erlitten Filme, TV-Serien und Bücher, bis die einst so blühende „Zukunftsindustrie“ der Vergangenheit angehörte wie der römische Mimus und die Atellane.

Heute, in einer Welt, in der Kampfroboter Monat für Monat und Jahr für Jahr Menschen töten und die totale Überwachung von allem und jedem zum Alltag gehört, die Eroberung des Mars vom grossen Abenteuer zum schnöden Businessplan geworden ist und Raumschlachten zum Gemeinplatz in Strategiepapieren; in der ein Photonendetektor die Heisenbersche Unschärferelation überwindet und asiatische Roboter auf dem Mond nach Rohstoffen schürfen; in der man Quantencomputer ebenso im Internet kaufen kann wie neue Hemden; in der Querschnittsgelähmte wieder aus dem Rollstuhl aufstehen, mit raffinierten Nanobots im Inneren von lebenden Zellen jede Art Krebs geheilt werden kann, Prothesen und Implantate in exzellenter Qualität aus dem 3D-Drucker kommen – in dieser Welt gibt es keine Science Fiction mehr, sondern eine Jahreszahl nach der anderen, eine Vorhersage nach der anderen werden abgehakt und wir pflegen eine teils ironische, teils wehmütige Erinnerung an jene Zeiten, in denen die Zukunft noch für Überraschungen gut war.
Skeptiker von heute klammern sich noch an den Hinweis, dass es den Überlichtgeschwindigkeitsflug, das Beamen, die Zeitreise und das Menschenklonen nicht gibt und jedesmal lautet die triste Realität, dass diese Dinge in Arbeit sind und sich nur technischen Schwierigkeiten gegenüber sehen, keinen grundsätzlichen.