Sonntag, 10. August 2014

Weitere Entwicklungen der nächsten Jahre


Vorbemerkung: Dass ich im vorhergehenden Artikel die Links vergessen hatte, die dann erst nachträglich eingefügt wurden und dass dieser Text hier relativ spät kommt, zeigt auf, dass auch ich an meine Grenzen gestossen bin. Das ist nicht ohne Ironie: meine Hypothese beweist sich an mir selbst.

Aus dem bisher Gesagten ergeben sich noch einige Folgerungen:

Europa stürzt durch Vergreisung und Verdummung zurück ins Mittelalter, aber der Rest der Welt NICHT und dieser „Rest“ – also der Grossteil der Menschheit – wird unsere Schwäche ausnutzen.
- Die Einwanderung aus Afrika wird zunehmen, weil uns die Manpower fehlt, um sie zu stoppen. Schon heute gibt es stetig Massenanstürme auf die Grenzbefestigungen im Süden, die jedesmal erfolgreicher werden. Alle Tragödien, die sich dort abspielen, jeder Tod, jede Verletzung, sind schon für sich genommen schlimm genug und erscheinen im grösseren Zusammenhang als furchtbare Verschwendung, da sie völlig sinnlos sind.
- Dies wollen viele Europäer nicht wahrhaben – mundus vult decipi – , sondern suchen ihr Heil in Radikalisierung. Mindestens ein Politiker wird wahnsinnig genug sein, Schiessbefehl zu erteilen, obwohl er weiss, dass dies nichts ändert.
- Gleichzeitig werden die Realitätsverweigerer nach und nach von immer mehr Informationsquellen abgeschnitten, gedruckte Lexika wurden bereits eingestellt, Buchhandlungen verschwinden aus dem Stadtbild, die letzten gedruckten Zeitungen und Zeitschriften sterben 2017 und das Fernsehen allein ist keine brauchbare Informationsquelle, denn das menschliche Gehirn nimmt nur geschriebene Informationen so effizient und dauerhaft auf, wie es notwendig ist, um eine Zivilisation am Laufen zu halten. In Zukunft gibt es nur noch das Internet oder nichts und da viele Europäer mit dem Netz nicht umgehen können, haben sie eben nichts mehr und werden in alten Lexika oder gehorteten alten Zeitungen vergeblich nach Erklärungen suchen, während die Entwicklung an ihnen vorbeizieht.
Diesen Verlust der Informationshoheit findet man übrigens in einem Werk der klassischen Literatur schon beschrieben und zwar in Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“: Die Tochter eines der Protagonisten und ihre Freunde schwärmen für Stefan George und „Leo Fischel suchte vergeblich in seinem alten Konversationslexikon, wer das sei.“ Dabei kommt er noch gut weg, denn es geht nur um eine Modeerscheinung ohne weitere Bedeutung, in vielen anderen Fällen aber ist es eine Frage von Leben und Tod, die richtigen Informationsquellen anzapfen zu können.
- Zunächst in Portugal, Spanien, Südfrankreich, Italien und Griechenland, später auch weiter nördlich, werden in Zukunft mehr Menschen aus Afrika leben und so wenig attraktiv Deutschland im internationalen Vergleich ist, werden es einige Mutige auch hier probieren. Dies wird das Antlitz Europas kulturell und politisch verändern und die Weissen zum Umlernen zwingen.
- „Was soll man da lernen? Suaheli?“, fragt einer der blinden Europäer und die Antwort kann nur lauten „Das wird dir wenig helfen, wenn dein Gegenüber Tigriani spricht.“ Sich auf eine der vielen Dutzend afrikanischen Sprachen zu konzentrieren, ist sinnlos, sondern man muss Fähigkeiten erwerben, die davon unabhängig sind. Der „Atlas für Kinder“ aus dem Südwest-Verlag, den ich 1982 geschenkt bekam, wies schon damals die Richtung: „Viele Afrikaner können sich untereinander nur in Englisch oder Französisch verständigen“, was auf die koloniale Vergangenheit zurückgeht und da im 21. Jahrhundert auch Französisch eine sterbende Sprache ist, wie die Statistiker vor einigen Jahren feststellten, ist Englisch die beste Wahl.
- Neben Sprachkenntnissen sind unter anderem gefragt: Handwerkstechniken, medizinische Kenntnisse, Logistik, die Fähigkeit zur Organisation, Planung und Durchführung von Grossprojekten, psychologische Kenntnisse zum Vermitteln bei Konflikten, diverse Luxusgüter, dies alles ohne die so oft hinderliche Arroganz der Weissen und wer etwas Derartiges bieten kann, braucht sich über Arbeitslosigkeit nie wieder Sorgen zu machen.
- Die „politisch korrekte“ Beschäftigung mit afrikanischen Traditionen, Stammeskulturen usw., der sich europäische Gutmenschen so gerne hingeben, hilft nur begrenzt, denn die Afrikaner, die das alles zurücklassen und sich hierher auf den Weg machen, werden von den Fernsehprogrammen und Internetauftritten der Weissen angezogen und interessieren sich eher für „Sex and Drugs and Rock'nRoll“, für Geld, Autos usw.
- Angesichts der schieren Komplexität des Themas – hier ist ein ganzer Kontinent im Aufbruch! – können Sie übrigens getrost davon ausgehen, dass da noch viel mehr ist, was ich im Augenblick gar nicht sehe. Machen Sie sich also auf Überraschungen gefasst und ganz ehrlich, ich weiss selbst nicht, wie diese aussehen werden.

Weiterhin ist Afrika nur ein Teil des Ganzen, Asien, Nord-, Mittel- und Südamerika wollen von der fetten Beute Europa ebenfalls etwas haben, unser alter Kontinent wird also aufgeteilt wie Polen im 18. Jahrhundert und all dies wird auf lange Sicht überrollt von der chinesischen Weltherrschaft. Mit dieser letzteren werden wir uns noch in einem eigenen Artikel beschäftigen.

Im Gegensatz zu dem Horrorszenario, das europäische Politiker aus diesen Dingen machen und mit dem sich ihre Völker so willig manipulieren lassen, könnte diese Entwicklung unsere Rettung bedeuten, wenn nämlich die Einwanderer ausreichend Qualifikationen mitbringen, um unseren Absturz in die Barbarei nicht ganz so schlimm werden zu lassen.

Ein anderer Hoffnungsschimmer sind Verbesserungen, die sich aus der allgemeinen technischen Entwicklung ergeben. Auch wenn sie nicht unser Verdienst sind, können diese Fortschritte uns helfen, die Folgen des Menschenmangels abzumildern.

Gleichzeitig geht im Rest der Welt die Globalisierung und Vernetzung weiter, die asiatischen Ländern investieren z.B. massiv in Afrika wie im Nahen Osten und damit tut sich eine Möglichkeit auf, die wir einmal bewusst hyperbolisch den „vereinten asiatisch-arabisch-afrikanischen Wirtschaftsraum“ nennen wollen.
Auf Englisch und damit international verständlich klingt es auch nicht schlecht: „The united asian-arabian-african economic space [oder hiesse es besser „economic hemisphere“?] – this will be called a real Triple-A“.
Das ist der grösste Markt, den es je gegeben hat, vielleicht nicht der grösste überhaupt mögliche, aber mit mindestens vier Milliarden Menschen gross genug, um allen noch vorhandenen Kräften Europas Arbeit für Jahrzehnte zu schaffen und damit die grösste Chance, die wir jemals hatten.

Es liegt nun an jedem einzelnen Individuum Europas, sich mit solchen Möglichkeiten vertraut zu machen, mögliche Szenarien durchzuspielen und den maximalen Profit daraus zu ziehen.

Sonntag, 20. Juli 2014

Die nächsten fünf Jahre


Nachdem ich mit meinem vorherigen Posting so weit ausgegriffen habe, wie es nach dem gegenwärtigen Informationsstand überhaupt möglich ist und dabei bewusst dramatisierte, bleibt noch die Frage, was vor 2064 in der Wirklichkeit passiert. Die nächsten Texte sind ein Versuch in diese Richtung.

Die chinesischen High-Tech-Aktivitäten beispielsweise, die in den nächsten Jahren die Welt verändern, sind kein Selbstzweck, sondern elementarer strategischer Zwang. Die immer noch technisch überlegenen USA geben die Richtung vor und das bedeutet, dass China mithalten muss, dass es eigene Flugzeugträger bauen muss, bewaffnete Orbitaldrohnen bauen muss, bemannte Raumfahrt betreiben muss, bemannte Mondlandungen durchführen muss und das Selbe gilt für Indien, Brasilien und Südafrika, um nur die naheliegendsten Kandidaten zu nennen. Hat man sich einmal auf diese Art Wettbewerb eingelassen, muss man weiter und immer weiter machen oder man geht unter, wie das Beispiel der Sowjetunion drastisch zeigt. Deswegen ist es auch völlig egal, wie die Regierungschefs heissen oder welche Parteilinie sie vertreten, denn diesen Zwängen kann sich niemand entziehen.
Ende 2015 wird der Lunar X-Prize seine Ergebnisse öffentlich präsentieren und deshalb lautet die Parole in den Jahren darauf „Kampf um Luna“ und in den 2020ern „Kampf um Mars, Titan, Enceladus“ etc. etc., während gleichzeitig die Cyborgisierung des Menschen immer neue Dimensionen erreicht. Das Geschrei um die „Google Glass“ etwa ist gar nichts gegen Implantate, die die gleichen Funktionen direkt in den Körper einbauen, so dass es keine äusseren Merkmale mehr gibt, an denen sich erkennen liesse, dass die betreffende Person ein wandelndes Überwachungssystem ist.
Keine SciFi mehr, nicht einmal mehr Technothriller, sondern blanke Realität.

Welche weiteren Kandidaten es für dieses Spiel gibt? Südkorea, Mexiko und einige der afrikanischen Löwenstaaten. Da ich mich noch nicht näher mit diesen befasst habe, fallen mir keine Namen ein, meine Aufmerksamkeit wird von China absorbiert. Dieses Posting hier dient nur als Momentaufnahme, die ich hinausschreien muss, weil der Rest Deutschlands so total verblödet ist, dass niemand diese Dinge sehen will.

Diese Verblödung wiederum ist zwar schon jetzt schlimm genug, wird aber noch zunehmen, weil sich hier in Deutschland zwei Entwicklungen kreuzen, die verhängnisvoll sind: a) die fortschreitende Verdummung und b) die fortschreitende Vergreisung.

2015, so tönt es von allen Seiten, werden erstmals in der Geschichte mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden als neu eintreten und das bei einem schon jetzt herrschenden Kräftemangel. Sie lesen richtig, ich habe die Vorsilbe „Fach-“ wie in „Fachkräftemangel“ bewusst weggelassen, denn dieses Wort ist ebenfalls eine Folge der Verblödung, in der Praxis herrscht auch ein Mangel an „Ungelernten“.
Dieser Mangel wirkt sich bereits negativ auf die Kundenzufriedenheit aus (http://www.wiwo.de/politik/deutschland/fachkraeftemangel-unternehmen-fehlen-fachkraefte/9984492.html) und einer, der beansprucht, es zu wissen, sagte kürzlich, um alle Aufgaben zu erfüllen, müssten die Menschen 30 % schneller arbeiten als jetzt (http://www.manager-magazin.de/politik/konjunktur/bcg-partner-rainer-strack-ueber-globalen-arbeitskraeftemangel-a-979801-3.html).
Mit anderen Worten: Sie glauben, die heutige Situation wäre ein Problem? Dann werden Sie 2015 lernen, was Probleme wirklich sind. Es ist der Zusammenbruch der Zivilisation.

Andere Länder haben Abhilfen für diese Gefahr, China z.B. ist reich, so dass es die nötigen Leute einfach kauft und Australien oder Kanada sind so attraktiv für Einwanderer, dass sie deren Zahl begrenzen müssen, um mit dem Andrang fertig zu werden.

Wir dagegen haben nichts. Im Gegensatz zu den Illusionen, denen sich deutsche Politiker hingeben, sind wir nicht attraktiv genug für Einwanderer und schon gar nicht für qualifizierte Leute. Da nützt es auch wenig, dass Karl May in aller Welt gelesen wird oder moderne Schriftsteller wie Tom Clancy und Michael Moorcock die Deutschen in den Himmel heben, sondern es wäre ein Mentalitätswandel bei jedem Einzelnen erforderlich und so etwas dauert Jahrzehnte, wenn es denn stattfindet, die etliche Male geforderte Willkommenskultur beispielsweise lässt sich nicht per Zweidrittelmehrheit verordnen.

Das wiederum bedeutet, dass es keine Abhilfe gibt. Wir werden in einem Land leben, in dem viele Arten von Arbeit nicht mehr gemacht werden oder nur zu höheren Preisen als vorher, seien dies handwerkliche Tätigkeiten, behördliche, medizinische oder was auch immer.
Aufgrund dessen werden Menschen sterben und andere Menschen geschädigt. Dieser Zustand wird über Jahre anhalten und die einzige Hoffnung, dass er sich bessert, liegt in einer extrem fortschrittlichen Technik, die nach den optimistischsten Schätzungen erst ab 2019 in den USA auf den Markt kommt, bis sie hierzulande erscheint, dauert es noch etwas länger. Somit geht Deutschland durch ein mindestens fünf Jahre langes Tal der Tränen.

Noch schlimmere Szenarien lassen sich denken und werden von Vielen gedacht, aber für mein Fassungsvermögen ist das bisher Skizzierte schlimm genug. Nun können wir uns darauf vorbereiten und es ist an jedem Einzelnen von uns, das Beste daraus zu machen. An die Arbeit.


Sonntag, 13. Juli 2014

Eine Zukunftsgeschichte

Wenn wir heute von der Zukunft sprechen, ist der Unterschied zur klassischen Science Fiction wie auch zur Futurologie der 1960er, dass wir heute die Grösse und Form des Universums kennen, die Nichtexistenz von Ausseriridschen bewiesen ist usw., dass also vieles, was früher als "nicht bewiesen, aber immerhin denkbar" gelten konnte, sich heute erledigt hat.
Vor diesem Hintergrund ist die Frage, ob sich noch eine Geschichte erzählen lässt, die mehr ist als die blosse Fortsetzung der Vergangenheit, vor allem die Frage, ob es denn noch irgend etwas Unvorhersehbares geben kann, das ein bisschen Dramatik in die Sache bringt oder ob wir auf ewig zur Langeweile verdammt sind.
Der nun folgende Text ist ein Versuch dazu, den ich im Dezember 2012 zusammengebastelt und seither schon fast vergessen habe.

Aaalsooo:
*Dramatisches Atemholen*
2064.
Die Erde ist tot.
Ein Gammastrahlenausbruch von nie gekannter Dimension hat das gesamte Sol-System verwüstet. Alle Orte, die für Leben geeignet waren, wurden bis in den tiefen Fels hinein sterilisiert und selbst die Bakterien auf dem Grunde des Ozeans, die alle Asteroideneinschläge und Eiszeiten überlebten, waren einer solchen Kraft nicht mehr gewachsen.

Die Menschheit interessiert das nicht.
Sie hatte sich seit den 2020ern über ein Gebiet von mehr als 100 Lichtjahren ausgebreitet und ihre neuen Aufenthalte zusätzlich durch Technik geschützt, so dass die Strahlung, wenn sie überhaupt dort ankam, keine Gefahr mehr darstellte. Die Cyborgisierung gab uns die Macht, uns an jede Umgebung anzupassen, wodurch Terraforming, das man im 20. Jahrhundert für unvermeidlich hielt, nur mehr eine Art Hobby für einige wenige wurde.
Dies führte zur Entwicklung verschiedener Zweige der Menschheit, ein allen gemeinsames Verständnis von „wir Menschen“ existierte nicht mehr. Manche begrüssten das, manche bedauerten es und die meisten nahmen es gleichgültig hin. Die Kontakte funktionierten ja weiter, aufrechterhalten durch wohlwollende KIs von göttlicher Machtvollkommenheit und wer sich isolieren wollte, der konnte einen ganzen Planeten, ja ein ganzes Sonnensystem für sich alleine haben. Kein Kloster, kein irdischer Verbannungsort hatte jemals solche Einsamkeit geboten.

Trotz ihrer Macht hatten die KIs sich jedoch nicht zu Diktatoren aufgeschwungen, denn ohne Gefühle war ihnen auch das menschliche Machtstreben unbekannt. Sie dienten, weiter nichts und liessen uns die Freiheit, auch weiterhin menschliche Dummheiten zu machen.
Krieg zum Beispiel.

Auch die Kultur war derart ideenlos geworden, dass wir kaum mehr taten, als die alten Muster immer wieder zu reproduzieren. Das wiederum funktionierte ironischerweise bei allen Leuten, egal in welchem Sonnensystem, so lange sie überhaupt noch fähig waren, mit dieser Art von Kultur oder Unterhaltung etwas anzufangen. Verzeihen Sie mir also bitte, wenn ich nicht Interkosmo spreche und nicht mit galaktischen Grüssen dienen kann.

Mein Name ist Gieg. Klaus Gieg. Ich stamme noch aus der alten Zeit, wurde 1974 in Bad Kreuznach, Rheinland-Pfalz, Deutschland, geboren, in einer Epoche also, in der der Siegeszug der Roboter, Denkmaschinen und Computer erst begonnen hatte. Ich darf Ihnen versichern, dass es ein äusserst zaghafter Beginn war. Als Erwachsener schaute ich zurück und fühlte mich erschüttert, wie primitiv wir zur Zeit meiner Kindheit gewesen waren, sowohl in der Technik wie auch im Denken.
Ebenso neugierig wie phantasievoll, begrüsste ich den technischen Fortschritt, den wir von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, dann von Jahr zu Jahr, schliesslich von Monat zu Monat erlebten. Es lässt sich nicht an einem bestimmten Datum festmachen, nicht einmal an einem bestimmten Jahr, ab wann sich alles veränderte, sondern die Veränderung arbeitete unaufhörlich und in Milliarden winzigen Schritten, bis man „die Welt nicht mehr wiedererkannte“.

Diese Formulierung benutzten damals viele Leute. Ich hatte diesen gegenüber einen Vorteil, weil ich mich ständig mit dem Thema befasste, Veränderungen nicht nur erwartete, sondern sie ausdrücklich herbeiwünschte und im Voraus zu berechnen versuchte. In den folgenden Jahren sollte mir dies buchstäblich das Leben retten.
Nachdem wir begannen, die Technik gezielt in unsere Körper einzubauen, entdeckten wir zu unserer freudigen Überraschung, dass wir damit nicht nur diverse Krankheiten abschaffen konnten, sondern sogar das Sterben. Von da an war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Ewiggestrigen, die glaubten, sich nicht damit beschäftigen zu müssen, allesamt vom Sensenmann geholt wurden.
Wir trauerten um einige von ihnen, die ja keine schlechten Menschen gewesen waren, aber die grosse Masse hatte sich durch ihre fanatische Ablehnung aller Veränderungen so unbeliebt gemacht, dass man sie bald ignorierte und daher auch nicht vermisste. Man nannte sie „die Scrooges“ und viele versuchten, für diese Unglücklichen die Rolle der wohlwollenden Geister zu spielen, aber das klappte nur in wenigen Fällen.

Der Wunsch nach Veränderungen entsprang nicht nur bei mir aus der Unzufriedenheit mit der Gegenwart und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wir wollten die Veränderungen nicht um ihrer selbst willen, sondern um einen Idealzustand zu erreichen, den ich selbst mangels eines besseren Begriffes als das Paradies auf Erden bezeichnete. Stanislaw Lem hatte es 1964 (im Vorwort zur „summa technologiae“) noch für unwahrscheinlich gehalten, dass die Menschen jemals zufrieden sein könnten und keinen weiteren Fortschritt mehr anstreben würden, aber da kannte er die KIs nicht.
Sie gaben uns einen solchen Überfluss, dass – wiederum buchstäblich – nichts mehr zu wünschen übrig blieb. Sattheit wurde zur Übersättigung und wer mit hundert Jahren alles gesehen und alles erlebt hatte, der konnte dann wie Laozi oder Simplicissimus dem ganzen Trubel den Rücken kehren und sich auf einen einsamen Planeten zurückziehen oder sich eben diesem Trubel um so hemmungsloser ergeben.
Ich selbst vereine in meinem neunzig Jahre alten Körper die Weisheit dieses Alters mit den Fähigkeiten eines Zwanzigjährigen und verspüre noch keine Lust auf Isolation. Es ist einfach nur schön, ein solches Leben zu geniessen und in meinem Privatraumschiff durch die Galaxie zu schippern, denn das bietet Ruhe oder Action ganz nach Bedarf.

Aufgrund der erwähnten Zurückhaltung der KIs steht es den Menschen auch frei, primitiver zu sein, als sie sein müssen, sich bewusst auf Planeten niederzulassen, auf denen ihr Leben in Gefahr ist und zwar durch Naturereignisse wie Erdbeben, Sturmfluten und Vulkanausbrüche, die man absichtlich nicht durch Geoengineering ausgeschaltet hat. Es wurden sogar Welten mit wilden Tieren aller Art geschaffen, mit denen die Menschen ringen können.
Das geht nicht immer gut und viele Leute, die sich selbst überschätzt haben oder ihre Kinder, die keine Wahl hatten, rufen dann um Hilfe, die von anderen, die nichts Besseres zu tun haben, bereitwillig geleistet wird. Es ist also immer noch Platz für Millionen von Helden und wer nicht nur Studien treibt wie ich, der kann seinen Kampfgeist voll und ganz ausleben.

Die Neubesiedelung des Sol-Systems liegt trotz dieses Geistes noch ein wenig in der Zukunft, denn wir müssen warten, bis die Gammastrahlung hinreichend abgeklungen ist.

Bewohner der Erde, ich spreche zu euch aus einer Distanz von nur fünfzig Jahren, das ist nichts in kosmischen Dimensionen, dazu kommt, dass die Technik, die unser heutiges Leben ermöglicht, auch zu eurer Zeit schon bekannt ist, dennoch, so fürchte ich, werdet ihr mir nur wenig Glauben schenken, wenn euch meine Worte überhaupt erreichen.
Da kann ich euch nun freilich nicht helfen, es drängt mich nur, diese Dinge trotzdem zu sagen, mag daraus werden, was will.
*Dramatisches Ausatmen*

Montag, 9. Juni 2014

Eine kurze Kurzgeschichte


„Ganz ehrlich, ich begreife es nicht. Wenn ihr doch wusstet, dass die Politiker in jedem Fall Lügner und Betrüger waren, warum seid ihr ihnen dann gefolgt?“
„Nun“, erwiderte der alte Brite mit einem feinen Lächeln, „Winston Churchill war ein Schweinehund, aber er war unser Schweinehund.“
„Das trifft es“, pflichtete ihm der alte Deutsche bei.
„Wir haben ein solches Wort nicht benutzt, aber Hitler war eben unser Mann.“
Die Enkel und Urenkel der beiden alten Herren sahen sich hilflos an. Sie begriffen eine solche Denkweise nicht.

Erst später begannen sie zu ahnen, dass es jenseits des post-modernistischen Diskurses noch andere Sichtweisen auf die Wirklichkeit gab. Man konnte davon halten, was man wollte, aber sie waren da und beeinflussten das Handeln der Menschen.
Erst von da an wurden ihnen auch andere Dinge verständlich, etwa wie Anfang 1943 in Nordafrika Deutsche und Briten, die gerade noch aufeinander geschossen hatten, am Tag nach der deutschen Kapitulation zusammen Fussball spielen konnten.

Aber wenn die Welt nicht so einfach war, dass man sie dekonstruktivistisch erfassen konnte, wie war sie dann?

China hat Russland gekauft


Äh - Russland ???

Ja, genau dies ist vor gut zwei Wochen geschehen. Natürlich nennt man es anders, aber die Summe der Wirtschaftsverträge, die Putin bei seiner Kriechtour in Peking unterzeichnet hat, bedeutet genau das: den vollständigen Ausverkauf Russlands an China.

Etwas Derartiges hat es buchstäblich noch nie in der Geschichte gegeben. Ganze oder teilweise „Feindliche Übernahmen“ von Ländern durch andere Länder mittels einer Kombination aus militärischem, wirtschaftlichem und diplomatischem Druck gehören zum Normalfall, den man erst seit 1945 für unfein erklärte, aber ein anderes Land zu übernehmen ohne einen einzigen Schuss, nur mit Geld, das ist etwas Neues. Die chinesische Regierung hat einzelne Elemente dieser Strategie schon vorher in Afrika und im Nahen Osten angewendet – vielleicht auch anderswo, das Thema ist so komplex, dass ich sicher Einiges übersehe – und nun ein strategisches Meisterwerk vollbracht, dessen volle Bedeutung wir noch gar nicht erkannt haben und das auf eine Zukunft vorausweist, in der so etwas noch öfter geschehen wird.

In der Sache selbst war es eine Anwendung der klassischen chinesischen Strategeme und zwar, soweit ich als primitiver Westmensch das verstehe, eine Ketten-Strategie, also Strategem Nummer 35 „Verknüpfen von zwei oder mehr Strategemen“ und die beiden verknüpften sind Nummer 9 „Das Feuer am gegenüberliegenden Ufer beobachten“ (warten, bis Putin sich hinreichend selbst geschwächt hatte) und Nummer 12 „Mit leichter Hand das Schaf wegführen“ (zugreifen, als es soweit war).

Darüber hinaus ist das Ganze langfristig angelegt, auch wenn Putin schon Geschichte ist, wird China weiterhin die Kontrolle über Russland haben und behalten bis in alle Ewigkeit. Das bedeutet, dass der innerrussische Machtkampf, der nach dem Sturz und/oder Tod Putins ausbricht, an Bedeutung verloren hat, denn die Kontrahenten müssen essen und ohne den Willen Chinas wird fortan in Russland kein Feld bebaut und kein Schwein geschlachtet.

Freilich wird es noch ewas dauern, die Beute zu sichten und neu zu organisieren, weg vom Moskau-zentrierten System hin zum grösstmöglichen Nutzen für China, aber das Reich der Mitte hat Zeit. Sogar ein Verrückter wie Mao Zedong hatte das begriffen und die geistig gesunde chinesische Führung unserer Zeit weiss es um so besser. Während wir nicht fähig sind, über einzelne Kalenderwochen oder höchstens Quartalszahlen hinauszudenken und uns deswegen einbilden, in Russland hätte sich nichts geändert, kann China tausend Jahre warten, bis sich wieder eine Gelegenheit ergibt und auch jederzeit handeln, wenn die Sache schneller geht.

Sie wird schneller gehen.

Sonntag, 4. Mai 2014

Quantengedanken


Quantengedanken

„ ... wodurch das betreffende Objekt über elf Dimensionen geschmiert wird.“ („Echt zauberhaft“) oder „Was wir als vergehende Zeit empfinden, sind nur Quantenfluktuationen im Gefüge der Raum-Zeit.“ („Die volle Wahrheit“)

Diese Zitate aus Werken von Terry Pratchett halfen mir unerwarteter Weise dabei, die Quantenphysik zu begreifen.

Dass nach Einstein Raum und Zeit, die man zuvor als getrennt ansah, eine Einheit bilden, die vier Dimensionen hat, habe ich verstanden. Dann aber kommt die Quantenphysik mit ihrer Unschärfe und Unvorhersagbarkeit und das wollte mir nicht in den Kopf. Jahrzehnte habe ich damit gerungen.

Erste Hilfe war der Hinweis, dass Schrödingers Katze eine Metapher ist und der Fehler immer darin lag, diese Metapher wörtlich zu nehmen. Popper als Nichtphysiker versuchte es auch mit dem Bild eines Münzwurfs, wobei die Münze nach dem Fall sowohl Kopf als auch Zahl zeigt, solange niemand hinsieht, also „zur Hälfte in dem einen und zur Hälfte in dem anderen Zustand ist“ (Karl-Popper-Lesebuch).
Auf der Makroebene, auf der wir leben und die wir „wirkliche Welt“ nennen, kann das nicht funktionieren, sondern sorgt nur für Verwirrung und für berechtigten Spott.

Geht man jedoch einige Ebenen tiefer, eben auf Quantengrösse, sieht das schon anders aus. Hier sind verschiedene Zustände eines Teilchens zu ein und demselben Zeitpunkt normal. Leben kann sich hier nicht entwickeln, es gibt keine „Quantenkatze“, sondern nur Teilchen – wobei auch dieses Wort schon wieder irreführend ist, da wir ja bekanntlich eine Welle-Teilchen-Dualität haben. Diese „Wellen- Teilchen“, von den Elektronen bis zur untersten Ebene von allem, den Quarks, sind die kleinsten Bausteine des Universums und können trotz ihrer „Unschärfe“ mathematisch erfasst und physikalisch beeinflusst werden. Darüber hinaus ist diese Unschärfe nicht von Dauer, sondern derartige „Überlagerungen von verschiedenen Zuständen“ wandeln sich in Einzelzustände um, wenn sie einer hinreichenden Einwirkung von aussen ausgesetzt sind.

Wenn wir von der untersten Ebene aufwärts gehen, schliessen sich die Quarks zu den subatomaren Teilchen zusammen, diese wiederum zu Atomen, die Atome zu Molekülen und erst aus den Molekülen wird das, was wir Materie nennen: Holz, Stein, Metall, Wasser, Proteine, Aminosäuren, Sauerstoff, Stickstoff usw.
Wir nennen nur diese Materie die „wirkliche Welt“, aber die anderen Dimensionen, die unsere begrenzten Sinne nicht erfassen können, sind ebenso real. Nachdem sie endlos von der Esoterik oder gar von der Religion missbraucht wurden, können wir sie mittlerweile auseinandersortieren. Um erneut eine Metapher zu gebrauchen: unsere „Wirklichkeit“ ist die Oberfläche eines Ozeans und die Quantenebene ist der Meeresboden. Auf dem Meeresboden und zwischen diesem und der Wasseroberfläche tummelt sich eine erstaunliche Vielfalt an Lebensformen, unterseeischen Vulkanen, schwarzen Rauchern usw. usf., die alle existieren, ohne dass die Seefahrer ganz oben auch nur das Geringste davon ahnen. Es spielt keine Rolle, ob Menschen davon wissen, ob sie es glauben oder theoretisieren, denn wenn etwas existiert, dann existiert es auch ohne die menschliche Wahrnehmung.

Gleichzeitig haben die Dinge unter dem Meer einen spürbaren Einfluss auf die Oberfläche und auf die angrenzenden Kontinente. Das fällt den Menschen früher oder später auf und sie werden neugierig. Mit fortschreitender Technik können sie mehr tun als nur fischen oder Strandgut einsammeln und schliesslich müssen sie ihre Schulbücher umschreiben, weil das neue Wissen trotz aller Scheiterhaufen und Folterkeller nicht mehr ignoriert werden kann.

Genau so ist es auch mit den Dingen auf der Quantenebene. Wir können sie nicht sehen, nicht hören, fühlen, riechen oder schmecken, aber sie haben Auswirkungen auf das, was wir sehen können und dieseAuswirkungen lassen sich berechnen. Ein alltägliches Beispiel ist die Verwendung von Digitaltechnik. Oft genug müssen wir bei Datenleitungen den Stecker herausziehen und wieder einstecken oder einen Computer neu starten, weil der Elektronenfluss kleine Unregelmässigkeiten aufweist, die durch Quanteneffekte entstehen und sich in unseren Geräten als Störungen manifestieren und genau wie wir U-Boote gebaut haben, die bis in die Tiefe des Marianengrabens abtauchen können, besitzen wir inzwischen ein Instrumentarium, mit dem wir auf die Quantenebene vordringen, um solche Effekte zu messen und zu verstehen.
Diese Quantenebene scheint übrigens identisch zu sein mit den „zusätzlichen Raumdimensionen“, die eine weitere Forschungsrichtung postulierte und auf die es inzwischen experimentelle Hinweise gibt, die mittels Nanotechnik gewonnen wurden, also ebenfalls mit der Erforschung des Allerkleinsten.

Und wie sieht das Universum nun „wirklich“ aus? Wenn es nicht unendlich ist, was die Physik ja ebenfalls behauptet, was ist dann ausserhalb davon?
Nichts.
Wie bitte?
Sie haben richtig gelesen. Das Universum ist alles, enthält alles und es gibt kein „Ausserhalb“, keinen Ort, keinen Raum, keine Zeit. Das ist für uns Menschen schwer fassbar, weil unsere Wahrnehmung nicht für alle Dimensionen ausreicht, es ändert aber nichts an der Realität.
Eine gute Metapher dafür ist die Erde, wie Stephen Hawking so treffend sagt: sie hat keine Grenze, obwohl sie endlich ist. Dank ihrer Kugelgestalt gibt es keinen „Rand“, von dem man herunterfallen könnte.
Ebenso ist das ganze Universum endlich, man hat seine Grösse sogar berechnet, aber es gibt keinen Punkt, auf den man zeigen kann und sagen, dass es „hier“ zu Ende wäre. Oder nehmen wir das Möbiusband. Es hat weder „Anfang“ noch „Ende“, was aber eine darauf kriechende Ameise nicht daran hindert, den Punkt, auf dem sie sich befindet, als Oberfläche zu benutzen. Grafisch dargestellt hat dies M. C. Escher und wenn Sie wollen, basteln Sie sich selbst eines und probieren Sie es aus.

Soll das heissen, wir bewegen uns im Inneren einer riesigen Hohlkugel oder wie? Um genau zu sein, ist die Form des Universums die eines Poincaré-Dodekaeders, der sich als „mathematisch exakter Fussball“ beschreiben lässt und einen Durchmesser von 27,6 Milliarden Lichtjahren besitzt. Das konnte Stephen Hawking in seiner „Kurzen Geschichte der Zeit“ noch nicht schreiben, auch nicht in der erweiterten Neuauflage, weil wir es erst im Jahr 2004 herausgefunden haben.

Aber was ist dann mit dem Ursprung des Universums? Urknall schön und gut, aber wer hat ihn gezündet?
Es gibt kein „Wer“. Die Quanteneffekte haben ihn hervorgerufen.
Ah-ha, schreit man mir triumphierend entgegen, und woher kommen die Quanten?
Euer Triumph ist eure Niederlage. Es gibt kein „Woher“. „Vor“ dem Urknall existierten kein Raum und keine Zeit, wo die Quanten oder irgend etwas Anderes hätten sein können. Vergessen Sie die menschliche Wahrnehmung und das menschliche Zeitgefühl. Sogar der katholische Heilige Augustinus,
den man beim besten Willen keinen Wissenschaftler nennen kann, hat das schon vor 1600 Jahren begriffen und sagt ausdrücklich, dass es vor dem Anfang des Universums keine Zeit gegeben hat.

Deswegen lügt man sich selbst an, wenn man sagt „Gott ist schon immer gewesen“ oder „Das Universum ist schon immer gewesen“. Der menschliche Hang zum Geschichtenerzählen mit Anfang und Ende führt uns in die Irre. Wir sagen, dass der Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren stattfand und wir haben die Geschichte unseres Universums bis auf eine Zehntausendstelsekunde nach diesem Moment rekonstruiert und wenn es gelingt, diese letzte Zeitspanne zu überwinden, kommen wir an einen Punkt, an dem es kein „Vorher“ gibt.

Was gibt es dann überhaupt? Was ist real?
Verschiedene Quantenzustände, weiter nichts.
Und was heisst das nun?
Dass wir lernen müssen, mit Unklarheiten und Grauzonen zu leben, dass es keine „letzte Wahrheit“ gibt, sondern nur verschiedene gleichermassen „richtige“ oder „wahre“ Dinge, je nachdem, von welchem Quantenzustand der Beurteiler ausgeht.

Es ist nicht nur mir sehr schwer gefallen, mich mit solchen Gedanken anzufreunden. Unsere Sinne stehen uns dabei im Weg, liefern uns Botschaften, die wir „Wirklichkeit“ nennen und wir wehren uns dagegen, etwas anderes auch nur in Betracht zu ziehen. Wenn es Sie tröstet: Ein so kluger Mann wie Goethe hatte seine Schwierigkeiten damit, dass das Universum so ist, wie es ist und wollte lieber im Irrtum verharren.
Gleichzeitig aber verfügen wir über die Möglichkeit des abstrakten Denkens und die hat sich letzten Endes durchgesetzt. Wir können Dinge glauben, die wir nicht sehen, die sogar dem, was wir sehen, ausdrücklich widersprechen. Die selben Gehirnfunktionen, die das Märchen zum erfolgreichen Geschäftsmodell gemacht haben, dienen uns auch dazu, die Wirklichkeit zu verstehen. Hawking sagt „Eine Theorie existiert nur in unserer Vorstellung und besitzt keine andere Wirklichkeit“.
Das gilt auch für Märchen und Metaphern. Wir wussten durch Jahrhunderte hindurch, dass es keine sprechenden Tiere gibt, dass in der wirklichen Welt die Guten nicht immer gewinnen, ja wir konnten uns sogar schon vor langer Zeit zu der Aussage vorwagen, dass „Gut“ und „Böse“ „keine Konstanten sind, sondern nur Funktionswerte“ (Robert Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften“, Erstes Buch, 1930), aber wir wollten an die Fiktionen glauben. Es war wiederum Terry Pratchett, der mich mit der Nase auf die Begründung stiess: „Die Menschen müssen an etwas glauben, sonst hat doch alles keinen Sinn“ („Schweinsgalopp“). Weil es von Natur aus keinen Sinn gibt, unser Gehirn aber einen braucht, erfinden wir einen.

Das ist die einzige Freiheit, die wir haben: uns in einem grossen, kalten und fremdartigen Weltall für die Erklärung zu entscheiden, die uns am besten gefällt. Und es ist das, was wir tatsächlich tun, indem wir an den „letzten Wert“ glauben, an den wir glauben wollen.
Und nein, das ist nicht philosophisch, sondern so funktionieren unsere Gehirne tatsächlich. Wir können das heute beweisen, indem wir das Gehirn eines beliebigen Menschen mit einem Neuroscanner durchleuchten und sein Glaubenszentrum beobachten (es sitzt vorne links). Wir können das menschliche Gehirn sogar schon manipulieren, eine Tumoroperation etwa machte 2010 einen brutalen Gewalttäter zum Weichei, ohne dass man dies beabsichtigt hätte (faz.net) und schwache Stromstösse auf bestimmte Hirnareale erzeugen Illusionen verschiedenster Art. Wenn es also noch Beweise gebraucht hätte, dass alles „Höhere“, von dem Menschen reden, alle Religionen etwa, nur Einbildung sind, dann wären sie damit erbracht. Es gibt nur uns.

„Wie kannst du so leben?“, schreit man mich an.
Ich lache und frage zurück „Wie sollte ich denn anders leben?“
„Aber das ist doch schrecklich, so ohne Sinn und ohne Ziel, ohne den Trost, den nur etwas Höheres spendet.“
„Im Gegenteil“, sage ich, „das ist das einzig Wahre und Beglückende. Frei von aller Illusion, frei von allen Lügen der Priester und Prediger, auch frei von den Lügen der Politiker und ihrer Ideologien.“
Solche Debatten werden schon seit vielen Jahrtausenden geführt, denn die Menschen sind nun einmal verschiedener Natur und weil viele Leute ein Nebeneinander verschiedener Ansichten nicht ertragen können, werden immer wieder Massaker an Andersdenkenden veranstaltet. Die einzig praktikable Form, das zu vermeiden, sind Gedankenfreiheit und Demokratie, was auch die Freiheit bedeutet, seine Meinung zu ändern und in der dann jedes Individuum sehen kann, wie weit es mit seinen Ansichten kommt.

Im Bewusstsein dieser Dinge entscheide ich mich für das Wissen. Ich habe alle Philosophien der Welt geprüft, alle Religionen und alle Ideologien, habe mein Weltbild immer wieder verworfen und neu aufgebaut, wenn die Theorie von der Praxis zerschmettert wurde und nun bleiben nur noch Wissenschaft und Technik übrig. Der Vollständigkeit halber: Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass dieses Weltbild falsch sein und jederzeit zusammenbrechen kann. 

In früheren Jahrhunderten und in den Medien bis heute wird eine Erkenntnis des ganzen Universums auch als „Weltformel“ bezeichnet, aber dieser Name beruht auf einem Mißverständnis. Erinnern Sie sich an den Mathematikunterricht in der Schule: wenn Sie versucht hätten, ein Rechteck oder einen Kreis mit der selben Formel zu berechnen wie ein Dreieck, wäre nur Chaos dabei herausgekommen. Eine einzige Formel kann nicht alles erfassen, eine Theorie kann ganz umgekehrt ohne Formeln auskommen und trotzdem richtig sein, sie kann auch mehrere Formeln enthalten, die alle richtig sind, weil jede von ihnen einen Teil der Theorie abdeckt. Dieses Letztere scheint mir auch auf die Physik zuzutreffen, denn Newtons Gleichungen wurden ja nicht plötzlich falsch, als Einstein erschien und Einsteins Relativitätstheorie behielt ihren Wert trotz der Quantenphysik. Die „Theorie für Alles“ wird also mehrere Formeln haben, die alle zusammen das Universum vollständig beschreiben.

Wann wir diese Theorie endlich haben? Das weiss kein Mensch. Es könnte morgen früh so weit sein, es
kann aber auch noch tausend Jahre dauern. Ich persönlich glaube, dass wir es im Lauf des 21. Jahrhunderts hinkriegen werden, ob vor oder nach dem Weltraumlift, dass muss ich offen lassen.

Wozu eine solche Theorie gut ist? Nun, zum einen können wir damit alle noch offenen Fragen beantworten und das ist keine Kleinigkeit. Über dieses Ziel hinaus wird sie zu technischen Entwicklungen führen, die dem einzelnen Menschen unendliche Macht verleihen und spätestens damit lässt sich jeder ködern, dem das Erringen von neuem Wissen nicht genügt.

Damit ist nun das angeblich so unverständliche Thema Quantenphysik abgehakt und ja, ich weiss, dass es Leute gibt, die mich für diese Ansicht in der Luft zerreissen werden. Damit kann ich leben.

Warum wir immer wieder umlernen müssen


Warum wir immer wieder umlernen müssen


Zunächst einige Beispiele aus der modernen Welt:

- „Wandlung“, ein Begriff, den ich 1989 im BWL-Unterricht in der Berufsfachschule kennen lernte und fast sofort wieder vergass. Im Gedächtnis blieb nur das Kunstwort „WaMiNeuScha“ als Kürzel für „Wandlung, Minderung, Neulieferung, Schadenersatz“, was wiederum etwas mit dem BGB oder HGB zu tun hatte, aber was genau, das war auch vergessen.
Jahre später hörte ich zufällig, „Wandlung“ gäbe es nicht mehr, da das betreffende Gesetz neu gefasst worden sei, zu welchem Zweck oder wen betreffend, blieb mir dunkel. Für Leute, die von Berufs wegen mit Vertrags- oder Handelsrecht zu tun haben, vom Handyverkäufer bis zum Universitätsprofessor, ist das jedoch elementar wichtig und sie mussten ihr Wissen auf den aktuellen Stand bringen.

- „Daten“ wurden 1989/90, als wir dieses Wort in der Schule näher betrachteten, nach einer DIN-Regelung definiert, die 1993 aufgehoben wurde, als sich Deutschland der internationalen Norm anschloss. Das Wissen also, das meine Mitschüler und ich damals über diesen Punkt erwarben, ist seither wertlos und wir können von Glück sagen, dass die Wikipedia uns den Unterschied erklärt.

- Gesetze aus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik sind heute nicht nur witzig zu lesen, sondern schlicht wertlos und müssen durch andere ersetzt werden, die der modernen Welt angepasst sind – ein langwieriger Prozess, denn was wusste man im Jahr 1890 vom Datenschutz? Vor allem Politiker und Beamte, die auf dem geistigen Niveau von damals stehen geblieben sind, agieren vollkommen hilflos.
In den USA hat man die Sache etwas klüger angefangen und die meisten Gesetze von vornherein mit einem Verfallsdatum versehen, d.h., wenn sie nicht immer wieder ausdrücklich von der Legislative bestätigt werden, treten sie automatisch ausser Kraft. Auch mit diesem Gedanken können sich Europäer nur schwer vertraut machen.

- Technik der Jahre 1980, 1990 oder 2000, an der wir einmal ausgebildet wurden, ist heute nur noch ein Museumsstück. 1990 etwa redeten wir in der Schule über Computer mit Festplattenkapazitäten im Megabyte-Bereich und da erzählte einer meiner Mitschüler, ein Freund von ihm habe zu Hause eine Festplatte mit einem Gigabyte. Wir glotzten ihn an und fragten, was man denn damit anfangen sollte, weil es sich dabei um eine Dimension handelte, die für uns am Rande des Vorstellbaren lag. Nur sieben Jahre später, als Mobiltelefone sich allmählich ausbreiteten, bemerkte die Zeitschrift Konr@d ironisch, „manche Leute fühlen sich einfach nicht wohl, wenn sie nicht mindestens ein Gigabyte Speicher am Leib tragen“, 2002 wurden Telefone mit vier Gigabyte verkauft, die auch noch alle möglichen und unmöglichen Zusatzfunktionen bekamen, stationäre Computer sprengten alle Vorstellungen und es ist kein Ende absehbar. Jedesmal, wenn jemand behauptet „Mehr geht nicht“, kann man darauf wetten, dass er ein Jahr später als Lügner dasteht.

- Das lässt sich noch generalisieren mit der Aussage, dass ausser Lesen, Schreiben und den Grundrechenarten alles Schulwissen der 1980er wertlos geworden ist, weil sich die Welt seither extrem verändert hat. 

- In dem Buch „Deutsches Haus“ aus dem Jahr 2006 schreibt der Autor „Rentner bekommen keine Kredite“ und diesen Sachverhalt hat man über Jahrzehnte als böse verschrien.
Das ist Geschichte, denn es gibt inzwischen ein Grundsatzurteil, nach dem es diskriminierend ist, Alten wegen ihres Alters einen Kredit zu verweigern, mit dem Effekt, dass sich nun auch Rentner hemmungslos verschulden, was wiederum Geldeintreibern, Schuldnerberatern und Insolvenzrichtern eine neue Art von Kunden bescherte, an die sie sich erst gewöhnen mussten.

- Ein oft sehr schmerzhaftes Lernerlebnis haben Leute, die glauben, sich durch eine Privatinsolvenz von Schulden befreien zu können, denn dieser Vorgang bringt von Gesetzes wegen eine Gehaltspfändung mit sich, so dass den Leuten danach weniger zum Leben bleibt als vorher, gar nicht davon zu reden, dass die Privatinsolvenz erst einmal vom Gericht genehmigt sein muss, aber in 80 % der Fälle abgelehnt wird und dass man durch diesen Vorgang seine Kreditwürdigkeit fürs ganze Leben verliert.
Das schreiben die Zeitungen natürlich nicht, sondern verkaufen die Insolvenz als einfachen Fluchtweg, was den Lerneffekt für Leute, die Zeitungen und Fernsehsendern vertrauen, um so schockierender macht.

- Immer noch klammern sich Menschen an die Illusion, etwas geheimhalten zu können. Spätestens die Offshore-Leaks haben bewiesen, dass selbst Multimillionäre nicht dazu imstande sind, von normalen Menschen gar nicht zu reden. Also noch einmal:
Wir leben in einer Welt ohne Privatsphäre und totaler Vernetzung! Was eine deutsche Behörde weiss, das weiss auch die NSA und das weiss Peking, Hanoi, wer auch immer. Leute, die das nicht lernen wollen, stehen dann eben verständnislos vor den Auswirkungen, was an der Sache selbst nichts ändert.

- Noch Schlimmeres machten junge Crackdealer in den 1990ern durch. Sie hatten an Fernsehmärchen geglaubt, die suggerierten, mit Drogenhandel könne man reich werden und bekamen in Wirklichkeit so wenig Geld heraus, dass ihr Ertrag pro Stunde noch unter dem gesetzlichen Mindestlohn lag, wobei die meisten von ihnen sich auch noch gegenseitig erschossen, weil sie glaubten, dadurch mehr Geld verdienen zu können und die Überlebenden im Gefängnis landeten. Das war der härteste und gnadenloseste Lernprozess der Erde, denn wer sich keinen anderen Job suchte, hatte noch Glück, wenn er „nur“ zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

- Journalisten in einer Welt, in der niemand mehr für Journalismus bezahlt, was dazu führt, dass eine Zeitung nach der anderen stirbt, können sich an andere Jobs gewöhnen oder in Hartz IV gehen.
Generalisiert: Leute, die sich nicht an Veränderungen anpassen wollen, manövrieren sich damit in die Armut und als Unternehmer begehen sie ausserdem Insolvenzverschleppung, schädigen also nicht nur sich selbst, sondern auch andere.


In Reaktion auf diese und ähnliche Situationen hört man häufig die Klage „Es wird immer schlimmer“ oder auch „Man muss sich immer mehr anstrengen“, was aber ein reiner Selbstbetrug ist. Sehen wir uns Jobs aus der Vergangenheit an:
- Wenn acht Stunden Goldgraben am Tag nicht genug Geld einbringen, musst du zehn Stunden am Tag graben. Wenn die Mine erschöpft ist, kannst du dir entweder eine neue suchen, eine andere Arbeit aufnehmen oder verhungern.
- Wenn in einer Kultur vor der Erfindung des Geldes acht Stunden Schneiden von Pfeilspitzen am Tag nicht genug Essen einbringt, musst du zehn Stunden am Tag Pfeilspitzen schneiden und wenn sich die Welt so verändert, dass anstatt Pfeilspitzen Ackerwerkzeuge gefragt sind, kannst du umlernen oder verhungern.
- Wenn acht Stunden Holzfällen oder Holzverarbeiten am Tag nicht genug Geld einbringen...

Das Muster ist wohl deutlich genug und es gilt ebenso für Feldarbeit, Nähen, Jagen, Gartenarbeit, für Seilschläger, Schauerleute, Schmiede, Installateure, Fabrikarbeiter, Taxifahrer, Blogger, Powerseller bei Ebay etc.
Im Vergleich zu früher kommen wir dabei noch gut weg, denn vor tausend wie vor zehntausend Jahren gab es noch nicht einmal Hartz IV, sondern die Leute gingen sang- und klanglos unter.